Short story
Die Brieftaube
A retired miner in the Ruhr whose wife left him over his pigeons waits on his roof for his best bird, which has not come back from a race.
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Words to know (12)
- die Brieftaube · carrier pigeon, racing pigeon
- unter Tage / über Tage · underground / above ground (mining)
- die Zeche · colliery, coal mine
- der Taubenschlag · pigeon loft
- die Täubin · female pigeon, hen
- einhellig · unanimous
- das Revier · (here) the Ruhr mining area
- zu Gerede Anlass geben · to give rise to gossip
- auflassen · to release (pigeons)
- nich / watt / kannze (Ruhr dialect) · nicht / was / kannst du
- erste Sahne (colloquial) · top-notch, first-rate
- das Viech (colloquial) · creature, beast
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Karl-Heinz Pawlowski, von allen nur Kalle genannt, hatte dreiunddreißig Jahre unter auf der Ewald in Herten gearbeitet und seit seiner Verrentung, wie die Nachbarn sagten, nur noch über gelebt, genauer gesagt auf dem Dach. Dort oben stand sein ein Holzbau, den er mit größerer Sorgfalt pflegte als die Wohnung darunter, und darin wohnten achtundvierzig von denen eine, eine graublaue mit weißem Fleck am Hals, nach Meinung des Vereins „Heimatliebe Herten-Süd“ die schnellste im ganzen war. Sie hieß Erika.
Dass die Erika hieß, gab in der Siedlung zu Anlass, denn Erika hatte auch Kalles Frau geheißen. Sie hieß noch immer so, nur eben nicht mehr Pawlowski. Sie war 1999 ausgezogen, nach siebenundzwanzig Ehejahren, mit einem Satz, den die halbe Straße durchs offene Fenster mitgehört hatte: „Kalle, du hast 'n Herz wie 'n Da passen viele rein, aber ich bin dabei.“ Kalle behauptete, er habe diesen Satz nie verstanden. Frau Kaczmarek von nebenan behauptete, er habe ihn sehr wohl verstanden und seither kein Wort mehr über Erika verloren, außer sonntags um sieben, wenn er vom Dach herunterrief: „Erika, komm rein!“, und die halbe Straße zusammenzuckte.
Im Juni stand der große Preisflug ab Regensburg an, gut vierhundertfünfzig Kilometer Luftlinie. Kalle setzte, wie jedes Jahr, auf Erika. Die Tauben wurden am Freitag im Vereinslokal eingesetzt, am Sonntag früh in Bayern und Kalle saß ab Mittag auf dem Dach, die Uhr auf den Knien, eine Thermoskanne Kaffee neben sich. Um halb vier kamen die ersten. Um sechs waren alle zurück bis auf eine, sechzehn von siebzehn. Er saß bis in die Nacht, dann den ganzen Montag. „Die kommt“, sagte er zu Frau Kaczmarek, die ihm Frikadellen aufs Dach reichte. „Die is noch nie gekommen.“ Am Dienstag aß er die Frikadellen nicht mehr.
Am Mittwochabend klingelte das Telefon. „Kalle“, sagte eine Stimme, die er seit zwanzig Jahren nicht gehört und trotzdem nach einer Silbe erkannt hatte. „Ich hab hier 'ne Taube von dir. Die Ringnummer hat mir der Manni vom Verein gegeben. abholen. Bottrop, Gartenstraße, hinterm Haus.“ Dann legte sie auf, bevor er etwas sagen konnte, was vermutlich auch besser war.
Hinter dem kleinen Haus in Bottrop stand ein Nicht groß, aber sauber, grün gestrichen, und auf dem Anflugbrett saß Erika, die zwischen einem Dutzend fremder Tauben, und putzte sich, als wäre nichts gewesen. Erika, die Frau, stand daneben, die Arme verschränkt. „Die is verflogen, Kalle“, sagte sie. „Die is nach Hause gekommen.“ das wusste jedes Kind im kehren nicht zu ihrem Besitzer zurück, sondern zu dem Schlag, in dem sie aufgewachsen sind. Kalle hatte Erika als Jungtier gekauft, über Manni, von einem Züchter, „der genannt werden will, aber erste Wie fast alle seine besten Tauben.
„Seit 2001“, sagte Erika. „Ich hab mir nach der Scheidung drei Tauben angeschafft, aus Wut, um zu verstehen, du an den findest. Und dann hab ich's verstanden.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Und weil du schon lieber Tauben hattest als mich, solltest du wenigstens meine haben.“ Die anderen Jungtiere habe sie immer früh abgegeben, bevor sie hier ihre ersten Runden flogen, damit sie sich an seinen Schlag gewöhnten. Nur bei der Graublauen habe sie gewartet. Jahrelang sei die trotzdem zu ihm geflogen, aber bei einem langen, schweren Flug finde so eine manchmal zurück zu ihrem ersten Schlag. „Die sollte wissen, wo ich wohn“, sagte sie, und es klang nicht, als redete sie nur von der Taube.
Kalle sagte lange nichts, was bei ihm nichts Ungewöhnliches war. Dann setzte er sich auf die Bank vor dem Schlag, die erkennbar für zwei Personen gebaut war, und sah den Tauben zu. Erika ging ins Haus und kam mit zwei Tassen Kaffee zurück. „Und is jetzt mit der Taube?“, fragte er schließlich. „Die bleibt hier“, sagte Erika. „Die is ja zu Hause. Aber du kannz' se besuchen.“
Seitdem fährt Kalle jeden Sonntag nach Bottrop, um, wie er Frau Kaczmarek erklärt, nach der Taube zu sehen. Frau Kaczmarek erzählt im Gegenzug jedem, der es hören will, dass sonntags um sieben in der Siedlung jetzt eine merkwürdige Stille herrsche. In Bottrop dagegen, so berichtet ihre Schwägerin, die dort zwei Häuser weiter wohnt, rufe sonntags morgens ein Mann laut „Erika, komm rein!“ über die Gärten. Und eine Frauenstimme antworte: „Ich komm ja schon.“
Comprehension check
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1. What did Kalle's wife mean when she said his heart was like a pigeon loft?
2. How does Kalle react as the days pass and the pigeon doesn't return?
3. Why did the pigeon fly to Bottrop?
4. What does the ending suggest about Kalle and Erika?