Short story
Die Kaiserurkunde
While cataloguing the archive of a Bavarian abbey with its own brewery, an archivist finds evidence that the famous medieval charter on every beer label is not what it seems.
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Words to know (12)
- die Urkunde · charter, (official) document
- der Kreuzgang · cloister
- verzeichnen · to catalogue, to list
- die Kanzleischrift · chancery script
- der Gallapfel · oak gall (used for making ink)
- die Säkularisation · secularisation (state seizure of church property, 1803)
- verbrieft · documented, guaranteed in writing
- die Klage abweisen · to dismiss the claim
- auf dem Spiel stehen · to be at stake
- die Buße · penance
- die Nestbeschmutzerin · someone who fouls her own nest, who disparages her own community
- teuer zu stehen kommen · to cost someone dearly
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Jede Flasche, die die Klosterbrauerei Sankt Quirin in Hohenried verlässt, trägt auf dem Etikett eine Man erkennt sie kaum, sie ist auf die Größe einer Briefmarke geschrumpft, aber jeder im Landkreis weiß, was darauf steht: dass Kaiser Ludwig der Bayer im Jahre 1347 den Mönchen von Sankt Quirin das Wasser der Quirinsquelle zum Brauen überlassen habe, „auf ewige Zeiten“. Das Original hängt im hinter Panzerglas, und die Touristen fotografieren es, bevor sie im Bräustüberl ihr Dunkles bestellen. Ich war im Frühjahr nach Hohenried gekommen, um das Klosterarchiv zu eine Arbeit, die man sich ruhig vorstellen darf: Staub, Kartons, Kaffee aus der Thermoskanne und gelegentlich ein Rechnungsbuch aus dem achtzehnten Jahrhundert, über das man sich unverhältnismäßig freut.
Im Juni öffnete ich einen unbeschrifteten Karton, der hinter einem Regal mit Pfarrbriefen gestanden hatte. Darin lagen vierzig, fünfzig Blätter, eng beschrieben in einer gotischen die ich sofort erkannte, weil ich sie seit drei Monaten jeden Morgen im gesehen hatte. Es war immer derselbe Satz, „Wir Ludwig von Gottes Gnaden Römischer Kaiser“, wieder und wieder, mit wachsender Sicherheit, als hätte jemand das Schreiben neu gelernt. Die Rückseiten waren Pfarrbriefe aus dem Jahr 1953. Ganz unten im Karton lag ein Zettel mit einem Rezept: Eisenvitriol, Gummi arabicum. Tinte, wie man sie im Mittelalter anrührte. Darunter, mit Bleistift, zwei Buchstaben: P. A.
Den Rest erledigten die Akten, die zu ich ja gekommen war. Im Jahr 1953 hatte eine Münchner Großbrauerei Anspruch auf die Quirinsquelle erhoben, gestützt auf die von 1803, als der bayerische Staat die Klöster aufgehoben und ihren Besitz eingezogen hatte; die Mönche, die erst Jahrzehnte später zurückgekehrt waren, besäßen, so die Kläger, kein Recht auf das Wasser. Der Prozess zog sich hin, die Abtei stand vor dem Ruin, achtzig Arbeitsplätze im Dorf mit ihr. Im März 1954 fand der Klosterarchivar, Pater Anselm Huber, bei Umbauarbeiten in einer zugemauerten Nische des eine Ludwigs des Bayern. Das Gericht prüfte, staunte und wies die ab.
Ich trug den Karton zum Abt. Pater Gregor ist ein kleiner, freundlicher Mann mit dem Gesicht eines Buchhalters und dem Humor eines Kabarettisten, und er hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen. Dann stand er auf, holte zwei Gläser und eine Flasche Dunkles, schenkte ein und sagte: „Sie wollen wissen, ob ich es gewusst habe.“ Er hatte es gewusst, seit 2011. Pater Anselm hatte vor seinem Tod einen versiegelten Umschlag in der Klosterchronik hinterlegt, „zu öffnen von meinem übernächsten Nachfolger im Amt des Archivars, oder vom Abt, falls dieser neugieriger ist“. Der Abt war neugieriger gewesen.
Er gab mir den Brief zu lesen. Anselm schrieb darin, er habe nichts erfunden. Die Mönche hätten das Wasser der Quelle seit sechshundert Jahren genutzt, das stehe in jedem Rechnungsbuch, und eine habe es gegeben, in einem Verzeichnis von 1612 sei sie sogar erwähnt; sie sei nur 1803 mit allem anderen in einen Wagen nach München geladen worden und nie angekommen. „Ich habe nicht die Wahrheit gefälscht“, schrieb er, „sondern ihr Papier. Ob Gott hier einen Unterschied macht, weiß ich nicht. Das Gericht hätte keinen gemacht.“
„Und jetzt?“, fragte ich. Der Abt zuckte mit den Schultern. Juristisch, sagte er, stehe nichts mehr auf dem das Wasserrecht sei längst durch jahrhundertelangen Gebrauch gesichert, er habe sich vorsichtshalber erkundigt. Auf dem stehe nur die Eitelkeit eines Klosters, und die könne eine vertragen. „Sie sind die Wissenschaftlerin. Eine Fälschung bleibt eine Fälschung, auch wenn sie gut gemeint war, oder gerade dann. Schreiben Sie, was Sie gefunden haben.“ Ich fragte ihn, ob er das als Abt sage oder als Brauereibesitzer. „Als beides“, sagte er. „Das schließt sich in Bayern nicht aus.“
Mein Aufsatz erschien im Herbst in einer Fachzeitschrift, die normalerweise von zweihundert Menschen gelesen wird. Drei Tage später titelte eine Boulevardzeitung: „Mönch fälschte für Bier“, und für zwei Wochen war Hohenried der berühmteste Ort Oberbayerns. Ich erhielt Briefe, in denen man mich eine nannte, und andere, in denen man Pater Anselm heiligsprechen wollte. Der war so voll wie nie.
Die Brauerei reagierte, wie man es von einer Brauerei erwarten darf, die seit sechshundert Jahren besteht. Im Dezember kam ein neues Bier auf den Markt, ein ehrliches Dunkles mit dem Namen „Pater Anselms Fälschung“, auf dem Etikett die und darunter, in gotischer Schrift: „Falsch, aber gut gemeint“. Es war binnen einer Woche ausverkauft. Der Abt schickte mir die erste Kiste mit einer Karte: „Für die Wahrheit, die uns zu stehen kam und sich erstaunlich gut verkauft.“ Die Übungsblätter liegen heute in einer Vitrine neben der Im Archivverzeichnis habe ich sie unter einer Kategorie erfasst, die es vorher nicht gab: „Fälschung, echt“.
Comprehension check
0/4 answered
1. What did the narrator find in the unmarked box?
2. Why did Pater Anselm forge the charter?
3. How does Anselm justify himself in his letter?
4. How does the brewery respond to the scandal?