Short story
Der Akt Pospischil
In Vienna in 1908, a young civil servant at a brand-new ministry decides to close a file about a Moravian bridge that has been wandering from desk to desk for forty-one years.
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Words to know (12)
- der Akt · (Austrian) file, dossier (German: die Akte)
- der Kanzleidiener · office porter, messenger in a government office
- das Gesuch · petition, formal request
- untertänigst · most humbly
- die Furt · ford
- die Statthalterei · provincial governor's office (Habsburg)
- die Paraphe · initials (as a signature)
- verwegen · daring, audacious
- ad acta legen · to file away as closed
- die Ehrerbietung · reverence, deference
- morsch · rotten (of wood)
- die Lade · (Austrian) drawer
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Als im Sommer 1908 das k. k. Ministerium für öffentliche Arbeiten gegründet wurde, erbte es von seinen Vorgängern, wie ein Neffe von einer Erbtante, vor allem Möbel und Papier. Das Papier kam in Handwagen über den Ring, in verschnürten Bündeln, deren Staub die husten ließ, und es landete zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf dem Schreibtisch des Ministerialkonzipisten Dr. Ferdinand Wondraschek, der jung war, ehrgeizig und folglich zuständig für alles, wofür sonst niemand zuständig sein wollte.
Ganz unten in einem dieser Bündel lag der Pospischil. Er war dick wie ein Gesangbuch und gelb wie eine alte Zahnreihe, und er begann mit einem vom 14. März 1867, in dem ein gewisser Jan Pospischil, Bürgermeister der mährischen Gemeinde Unter-Lhota, um eine Brücke über die Bečva bat, da die bei Hochwasser unpassierbar sei und man den Arzt, den Pfarrer und die Hebamme zuweilen nur vom anderen Ufer aus grüßen könne. Es folgten einundvierzig Jahre Bearbeitung.
Wondraschek las sie an drei Nachmittagen, mit wachsender Bewunderung. Der war durch vier Ministerien, zwei und eine Hofkommission gewandert. Man hatte ihn „zur gefälligen Kenntnisnahme“ weitergeleitet, „zur Äußerung“ vorgelegt, „in Evidenz“ gehalten und einmal, 1879, „wegen Unzuständigkeit“ an ein Amt zurückgeschickt, das inzwischen aufgelöst worden war, worauf er sechs Jahre lang verschollen blieb, bis ihn ein Archivar in einem Schrank fand, in dem man eigentlich die Fahnen für die Fronleichnamsprozession aufbewahrte. Drei Generationen von Beamten hatten ihre hinterlassen, kleine verschlungene Zeichen, die aussahen wie die Spuren von Vögeln im Schnee. Eine Brücke hatte niemand gebaut. Abgelehnt hatte sie aber auch niemand. In Österreich, dachte Wondraschek, ist das Nein ein Zeichen von Unhöflichkeit, das Ja eines von Leichtsinn, und dazwischen liegt die Verwaltung.
Er fasste einen Entschluss, der ihm selbst vorkam: Er wollte den schließen. Nicht ablehnen, nicht bewilligen, sondern schließen, ad legen, wie man einen Toten begräbt, mit Würde und einer abschließenden Notiz. Dazu aber brauchte er einen Grund, und der einzige Grund, den die Vorschriften gelten ließen, war die Erledigung des Anliegens. Also schrieb er, ohne seinen Sektionschef zu fragen, was ihm später als einziger Fehler seiner Laufbahn ausgelegt wurde, an die Bezirkshauptmannschaft in Mährisch-Weißkirchen und bat um Auskunft über den derzeitigen Stand der Brückenangelegenheit Unter-Lhota.
Die Antwort kam nach drei Wochen, was in dieser Behörde einem Telegramm gleichkam. Ihr lag ein zweiter Brief bei, in sauberer, etwas altmodischer Kurrentschrift, von einem gewissen Václav Pospischil, Bürgermeister von Unter-Lhota, Enkel des Antragstellers. Die Brücke, schrieb er, stehe seit dem Herbst 1869. Sein Großvater habe nach zwei Jahren des Wartens befunden, dass das hohe Ministerium gewiss Wichtigeres zu tun habe, und die Gemeinde habe die Brücke aus eigenen Eichen und mit eigenen Händen errichtet. Man habe sie, in aller die Ministerbrücke genannt, weil sie, wie der Großvater bei der Einweihung gesagt habe, „auch ohne uns zu fragen entstanden ist“.
Wondraschek lachte so laut, dass der den Kopf zur Tür hereinsteckte. Dann las er weiter. Nun, da das hohe Ministerium sich erfreulicherweise wieder nach der Brücke erkundige, schrieb der Enkel, erlaube sich die Gemeinde darauf hinzuweisen, dass die Eichenbalken nach neununddreißig Jahren seien, dass der mittlere Pfeiler beim letzten Hochwasser bedenklich geschwankt habe und dass man für eine Beihilfe zur Instandsetzung von Herzen dankbar wäre. Der Brief schloss mit dem Satz: „Wir haben Zeit, aber die Brücke hat keine mehr.“
An diesem Abend blieb Dr. Ferdinand Wondraschek länger im Amt als je zuvor. Er schrieb unter das letzte Blatt des alten mit seiner schönsten Feder: „Anliegen durch Selbsthilfe der Gemeinde im Jahre 1869 erledigt. Zur Kenntnis genommen mit dem Ausdruck größter Hochachtung. Ad Er setzte seine darunter, die erste, die in diesem etwas beendete, und band das Bündel mit einer neuen Schnur zu.
Dann nahm er einen frischen Umschlag aus der legte den Brief des Enkels hinein und schrieb in die Ecke, wo die Aktenzahl hingehörte: „Pospischil II“. Er betrachtete die Aufschrift eine Weile, mit einer Mischung aus Rührung und Grauen, die er später nur noch schwer beschreiben konnte, und rechnete im Kopf nach. Er war achtundzwanzig. Wenn alles seinen geordneten Gang ging, würde er in Pension gehen, bevor dieser es tat. Er legte ihn obenauf, ganz obenauf, und vermerkte darauf, zum ersten Mal in seinem Berufsleben, das Wort „Dringend“.
Comprehension check
0/4 answered
1. What did Jan Pospischil ask for in 1867?
2. What, according to Wondraschek, is the place of administration in Austria?
3. Why did the villagers call their bridge the "Ministerbrücke"?
4. How does the story end?