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Short story

Ein Fingerhut Rüdesheimer

The cellar master of the Bremen Ratskeller discovers that every year, on the same night, someone drinks a few drops of the oldest cask wine in Germany, and sets out to catch the thief.

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Words to know (12)
  • der Fingerhut · thimble
  • das Gewölbe · vault, vaulted cellar
  • unwillkürlich · involuntarily
  • hager · lean, gaunt
  • die Gemütsruhe · composure, calm
  • der Füllstand · fill level
  • verdunsten · to evaporate
  • einpreisen · to factor in, to allow for (lit. to price in)
  • etwas auf etwas schieben · to blame something on something
  • sich auf etwas berufen · to cite, to refer to
  • kühn · bold, daring
  • die Verdunstung · evaporation

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Im Bremer Ratskeller liegt, hinter einem Gitter und unter einer die schon Napoleons Offiziere vergeblich zu beeindrucken versuchten, der älteste Fasswein Deutschlands: ein Rüdesheimer aus dem Jahre 1653, ein Wein, der den Dreißigjährigen Krieg nur knapp verpasst und alle späteren mühelos überdauert hat. Getrunken wird er so gut wie nie. Er ist weniger ein Getränk als ein Denkmal in flüssigem Zustand, und wer ihn zu Gesicht bekommt, senkt die Stimme, als läge im Fass nicht Wein, sondern ein Bürgermeister.

Jan-Hendrik Oltmanns war seit elf Jahren Kellermeister, ein Mann aus Vegesack mit der eines Lotsen und der Gründlichkeit eines Buchhalters. Einmal im Jahr, Mitte September, maß er den der Rose, wie das Fass im Haus genannt wurde, und trug ihn mit Tinte in ein Buch ein, das älter war als er selbst. Ein alter Wein Das war bekannt und Was nicht bekannt war und, wie er fand, auch nicht werden durfte, war die Tatsache, dass die Rose in jedem Jahr, seit er das Buch führte, ein klein wenig mehr verloren hatte, als die Physik verlangte. Vier Milliliter. Kaum mehr als ein

Ein anderer hätte es auf das Messgerät geschoben. Oltmanns es auf einen Menschen, und zwar nicht aus Misstrauen, sondern aus Respekt vor dem Messgerät. Er ging die Liste derer durch, die Zugang zum hatten: zwei Köche, die lieber Bier tranken, eine Auszubildende, die überhaupt nichts trank, ein Nachtwächter, der sich vor dem Keller fürchtete, seit ihm ein Gast im Scherz erzählt hatte, die zwölf Apostelfässer im würden nachts miteinander reden. Und dann war da noch der Schlüssel, der seit Jahren fehlte und den niemand vermisste, weil das Schloss ohnehin ausgetauscht werden sollte, seit Jahren.

Es war der Nachtwächter, der ihn auf die richtige Spur brachte, ohne es zu wollen. Der Gast, der ihm die Geschichte von den sprechenden Fässern erzählt hatte, sagte er, habe sich auf ein Buch „von so einem Dichter, schon lange tot“. Oltmanns brauchte nicht lange zu suchen. Wilhelm Hauff hatte 1827 seine „Phantasien im Bremer Ratskeller“ veröffentlicht, die Geschichte einer Nacht, die ein junger Mann allein im verbringt, bis die Weine zu Gestalten werden und die Rose als würdige alte Dame erscheint. Die Nacht, in der das alles geschieht, ist die vom ersten auf den zweiten September. Die Messung fand jedes Jahr Mitte September statt.

Am Abend des ersten September streute Oltmanns feinen Kreidestaub auf die Steinplatten vor dem Gitter, setzte sich mit einer Thermoskanne Tee in eine Nische zwischen den Apostelfässern und kam sich so lächerlich vor wie seit seiner Konfirmation nicht mehr. Gegen Mitternacht hörte er das Schloss. Dann Schritte, kleine, gleichmäßige, das Tappen eines Gehstocks. Im Licht seiner Taschenlampe stand eine sehr alte Dame in einem dunkelblauen Mantel, einen silbernen zwischen Daumen und Zeigefinger, und sah ihn an, ohne im Geringsten zu erschrecken.

„Sie sind der Neue“, sagte sie, was nach elf Jahren eine Behauptung war. Sie hieß Agathe Wiechers, war einundneunzig Jahre alt und die Witwe von Oltmanns' Vorvorgänger. Ihr Mann, erzählte sie, habe sie im Herbst 1958 nach einem Seminar über Hauff zum ersten Mal in dieses geführt, gegen jede Vorschrift, und ihr aus diesem einen Schluck aus der Rose gegeben. Danach jedes Jahr, in derselben Nacht, sechsundvierzig Jahre lang. Seit seinem Tod komme sie allein. „Ich trinke für zwei“, sagte sie. „Daher die vier Milliliter. Allein wären es zwei. Sie messen sehr genau, junger Mann. Er hätte Sie gemocht.“

Oltmanns war ein Mann der Vorschriften, und die Vorschrift war in diesem Fall eindeutig. Er dachte eine ganze Weile darüber nach, so lange, dass die alte Dame sich auf ein Fass setzte, was ebenfalls verboten war. Dann holte er ein zweites Gefäß aus der Tasche, das Schnapsglas, aus dem er seinen Tee getrunken hatte, und spülte es mit dem letzten Rest Tee aus. „Man soll eine Dame in ihrem Alter nicht für zwei trinken lassen“, sagte er. „Das ist schlecht für den Kreislauf.“

Der Wein schmeckte nach Sherry, nach Staub, nach Walnuss und nach etwas, wofür es keinen Namen gab, vielleicht nach Zeit. Sie tranken schweigend. Als Agathe Wiechers ging, ließ sie den Schlüssel auf dem Fass liegen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, und Oltmanns steckte ihn ein, ebenfalls ohne ein Wort. In sein Buch trug er im September sechs Milliliter Verlust ein, und in die Spalte für Bemerkungen, in seiner kleinen, aufrechten Schrift: poetisch bedingt.“

Comprehension check

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1. What makes Oltmanns suspect that someone is drinking the old wine?

2. How does Oltmanns work out on which night the thief comes?

3. Why have four millilitres disappeared each year?

4. What does Oltmanns write as the reason for the loss in his book?