Short story
Morgestraich
Thirty-two years after leaving Basel in anger, a woman comes back for the four o'clock start of the carnival, a few months after the death of the father she never made up with.
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Words to know (11)
- der Morgestraich · the 4 a.m. opening parade of the Basel carnival
- eingeklemmt · wedged, squeezed in
- der Wortlaut · exact wording
- die Clique · (Basel) carnival group
- der Pfeifer / die Pfeiferin · piper, piccolo player
- der Tambourmajor · drum major
- schneidend · piercing, cutting
- der Schlenker · detour, swerve; (here) little flourish
- der Triller · trill
- die Larve · (Swiss) carnival mask
- der Takt · bar (music)
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Um drei Minuten vor vier Uhr morgens, am Montag nach Aschermittwoch, ist Basel die einzige Stadt der Welt, in der hunderttausend Menschen gleichzeitig den Atem anhalten. Sie stehen dicht gedrängt in den Gassen der Altstadt, im Februarfrost, in Mänteln über Schlafanzügen, und niemand spricht, weil alle auf dasselbe warten: dass die Stadt ihr Licht löscht. Annemarie Lüthi stand am Spalenberg, zwischen einem Rentnerpaar aus Riehen und einem Studenten, der nach Glühwein roch, und fragte sich zum hundertsten Mal in dieser Nacht, was sie hier eigentlich wollte.
Sie war mit sechsundzwanzig gegangen, nach einem Streit, dessen Anlass sie inzwischen selbst nicht mehr hätte benennen können und dessen sie trotzdem auswendig wusste. Ihr Vater, Ruedi Lüthi, Typograf, in einer seit seinem neunten Lebensjahr, hatte am Ende gesagt, wer Basel verlasse, verlasse auch ihn, und sie hatte gesagt, das treffe sich gut. Dann zweiunddreißig Jahre Hamburg. Weihnachtskarten, in beiden Richtungen, mit Unterschrift und ohne Text. Im vergangenen Oktober ein Anruf vom Kantonsspital, zu spät, um noch etwas zu sagen, aber gerade rechtzeitig, um nichts mehr gesagt zu haben.
Um Punkt vier gingen die Lichter aus. Die Schaufenster, die Straßenlaternen, die Fenster der Wohnungen, alles zugleich, und in die Dunkelheit hinein rief irgendwo ein das Kommando, das sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gehört hatte und das trotzdem sofort wieder in ihr saß wie ein verschluckter Kirschkern: vorwärts, marsch!“ Dann setzten die Trommeln ein, und dann die Piccolos, hoch und und ein bisschen falsch, wie es sich gehört, und über die Köpfe hinweg schwankten die großen bemalten Laternen, die einzigen Lichter in der ganzen Stadt.
Sie hatte vergessen, wie es sich anfühlte. Man hört den nicht, dachte sie, man steht darin wie in einem Regen. Die zogen vorbei, eine nach der anderen, maskiert, mit riesigen Nasen und Glotzaugen, und sie hätte keine von ihnen unterscheiden können. Auf einer Laterne hatte jemand den Regierungsrat als Seehund gemalt, der auf einem Ball das Budget balancierte, und die Leute ringsum lachten leise, als lachte man in einer Kirche. Bis zu dem Moment, in dem sie eine bestimmte Stelle in einem bestimmten Marsch hörte.
Es war der „Arabi“, ein alter Marsch, den hier jedes Kind kennt, und an der Stelle, an der die Melodie nach dem zweiten Teil absinkt, machte eines der Piccolos einen kleinen nach oben, einen der in keinem Notenheft stand. Annemarie kannte diesen Ihr Vater hatte ihn erfunden, als sie vier war, und ihn ihr jeden Abend auf der Bettkante vorgespielt, und er hatte gesagt, das sei ihr Stück, das Annemarie-Stück, und wer es spiele, müsse zuerst sie fragen. Sie hatte ihn nie wieder gehört. Sie hatte ihn auch nie wieder hören wollen. Jetzt drängte sie sich durch die Menge, entschuldigte sich, trat jemandem auf den Fuß und lief der Laterne hinterher, bis zum Rümelinsplatz, wo die haltmachte.
Die die den gespielt hatte, war kaum größer als ihr Instrument. Als sie die hochschob, kam darunter das Gesicht eines Mädchens von höchstens zwölf Jahren zum Vorschein, rot vor Kälte und Stolz. Annemarie fragte, wo sie diesen im „Arabi“ gelernt habe. Das Mädchen sah sie misstrauisch an, wie man eine Fremde ansieht, die mitten in der Nacht nach fragt. Dann sagte sie, in breitestem Baseldeutsch, das habe ihr der Herr Lüthi beigebracht, im letzten Winter, in der Pfeiferschule. Er habe gesagt, das gehöre eigentlich jemand anderem. Aber man müsse es weiterspielen, damit es nicht verloren gehe, falls diese Person einmal zurückkomme und danach suche.
Annemarie Lüthi stand eine Weile still auf dem Rümelinsplatz, während um sie herum die Fasnacht weiterlärmte, und dachte an zweiunddreißig Weihnachtskarten ohne Text. Dann fragte sie das Mädchen, ob sie es ihr noch einmal vorspielen könne, nur den einen Das Mädchen zögerte. „Er hat gesagt“, erklärte sie ernst, „wer es hören will, muss zuerst fragen, ob er darf.“ Annemarie lachte, zum ersten Mal in dieser Nacht, und es klang beinahe wie Weinen. Sie fragte. Sie bekam die Erlaubnis. Der war genau so, wie er sein sollte, und ein bisschen falsch.
Comprehension check
0/4 answered
1. What happens at exactly four o'clock in the morning?
2. What was the relationship between Annemarie and her father after she left?
3. How does Annemarie recognise her father's influence in the parade?
4. Why did Ruedi Lüthi teach the girl the trill?