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Short story

Scardanelli

A Tübingen literature student who earns her summer money punting tourists past Hölderlin's tower starts finding poems in her boat, signed with the name the mad poet used in his last years.

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Words to know (12)
  • staken · to punt, to pole (a boat)
  • der Stocherkahn · punt (traditional Tübingen boat)
  • umnachtet · mentally deranged (literary)
  • der Schreiner · carpenter, joiner
  • der Junggesellenabschied · stag or hen party
  • vertäuen · to moor
  • schwebend · floating, hovering
  • zeichnen · (here) to sign
  • das Oberseminar · advanced research seminar for doctoral students
  • geraten · (of plants) to turn out well, to thrive
  • die Gardine · curtain
  • der Stummel · stub

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Merle Kaufmann schrieb an einer Dissertation über Hölderlins Spätwerk, die niemand außer ihrem Doktorvater je lesen würde, und um diese Gewissheit zu finanzieren, sie im Sommer Touristen auf dem den Neckar hinauf und hinunter. Sie war gut darin. Sie hatte die Stange im Griff und die Stadt im Kopf, und wenn der Kahn am gelben Turm vorbeiglitt, in dem der Dichter die zweite Hälfte seines Lebens verbracht hatte, wie man sagte, von der Familie des Zimmer versorgt, dann senkte sie die Stimme wie eine Fremdenführerin in einer Kathedrale.

Sie erzählte dann Anekdoten. Manche stimmten. Die meisten hatte sie erfunden, im ersten Sommer schon, weil die Wahrheit für eine Bootsfahrt von fünfzig Minuten zu dünn war und die Amerikaner, die Schwaben und die gleichermaßen etwas Rührendes hören wollten. Hölderlin, behauptete sie, habe jeden Morgen dem Fluss die Hand gegeben. Er habe den Enten Namen von griechischen Göttern verliehen und sei beleidigt gewesen, wenn sie nicht darauf hörten. Einmal habe er einen Besucher nur deshalb empfangen, weil dieser ein Kirschblatt am Hut trug. Die Leute fotografierten den Turm danach mit anderen Augen, und das Trinkgeld war ausgezeichnet.

Im Juni fand sie den ersten Zettel. Er steckte unter der Sitzbank ihres Kahns, der über Nacht an der Platanenallee lag, ein gefaltetes Blatt aus einem karierten Rechenheft. Darauf, mit Bleistift, in einer sehr alten und sehr sorgfältigen Handschrift, acht Zeilen über den Sommer, gereimt, ein wenig steif, von einer seltsam Heiterkeit, als blicke jemand aus großer Entfernung auf eine Wiese. Darunter stand: „Mit Unterthänigkeit, Scardanelli. Den 3ten März 1748.“

Merle kannte die Unterschrift. Mit diesem erfundenen Namen und mit solchen unmöglichen Daten hatte Hölderlin in seinen letzten Jahren die kleinen Gedichte um die ihn Besucher baten, als gehöre er selbst nicht mehr ganz in die Zeit. Sie verdächtigte zuerst Jonas aus dem dessen Humor zu der Sorte gehörte, die mit einer Fußnote endet. Jonas schwor, er habe nichts damit zu tun, und zwar mit einer Empörung, die zu echt war, um gespielt zu sein: Seine Fälschung, sagte er, wäre besser gereimt gewesen.

Es kamen weitere Zettel, ungefähr einer pro Woche. Gedichte über den Neckar, über das Licht im Juli, über einen Garten, in dem die Bohnen nicht Datiert auf 1759, auf 1671, einmal auf 1940. Merle tat, was eine Germanistin in Geldnot tut: Sie las sie vor. Wenn der Kahn unter den Fenstern der Bursagasse hindurchglitt, zog sie das Blatt aus der Tasche und trug es vor, als sei es eben erst aus einem Archiv aufgetaucht, und die Touristen hielten den Atem an, und sie verschwieg, dass das Archiv eine Sitzbank war.

Ende Juli bemerkte sie die Frau. Sie saß jeden Nachmittag am offenen Fenster eines schmalen Hauses unterhalb des Turms, sehr alt, sehr weiß, ein Kissen im Rücken, und sie rührte sich nicht bei den Anekdoten, nicht bei den Enten und nicht bei den Göttern. Aber wenn Merle die Gedichte vorlas, richtete sie sich auf. Bei der letzten Zeile hob sie die Hände und klatschte, langsam, zweimal, wie man in einem Konzertsaal klatscht, in dem man der einzige Zuhörer ist. Hinter ihr, im Halbdunkel des Zimmers, stand ein Mann und hielt die zur Seite.

Merle klingelte am nächsten Morgen. Er hieß Gotthilf Mayer, war Schreinermeister gewesen, achtundachtzig Jahre alt, und er hatte einen hinter dem Ohr, als sei er nie in Rente gegangen. Seine Frau, sagte er, erkenne ihn seit zwei Jahren nicht mehr. Sie erkenne niemanden mehr, und sie lebe, soweit er das beurteilen könne, in einer Zeit, die es nicht gegeben habe. Aber sie sei Deutschlehrerin gewesen, vierzig Jahre am Uhland-Gymnasium, und Hölderlin erkenne sie noch. „Ich bin kein Dichter“, sagte er. „Ich habe Treppen gebaut. Aber ein Gedicht ist auch nur eine Treppe, bei der jede Stufe gleich hoch sein muss. Und von Ihnen hört sie es lieber als von mir. Ich lese zu langsam, und ich bin, Sie verstehen, nur der

Merle las den ganzen August und den halben September. Sie strich die Anekdoten aus ihrem Programm, eine nach der anderen, die Enten, das Kirschblatt, den Händedruck mit dem Fluss, und erstaunlicherweise sank das Trinkgeld nicht. Am letzten Tag der Saison, im Oktober, das Fenster unter dem Turm war seit einer Woche geschlossen, lag ein letzter Zettel unter der Bank. Diesmal war es kein Gedicht, und diesmal stimmte das Datum. „Sie ist am Sonntag eingeschlafen, im Sessel am Fenster. Ich danke Ihnen für jede Stufe.“ Darunter, zum ersten Mal, in derselben sorgfältigen Hand: „Gotthilf Mayer“.

Comprehension check

0/4 answered

1. What does Merle do to make her boat tours more popular?

2. Why does Jonas say he could not have written the poems?

3. Why does Gotthilf Mayer want Merle to read his poems aloud?

4. What is different about the last note?