Short story
Die Blutbuche
An old woman in a Mecklenburg village tells the village chronicle about the manor house she has known all her life, and about the summer of 1992 when the former owners' great-grandson turned up on a bicycle.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- die Blutbuche · copper beech
- auseinanderhalten · to tell apart
- der Jahrgang · year of birth
- die Bank drücken · (colloquial) to sit in school
- die Bodenreform · land reform (East Germany, 1945)
- der Junker · Prussian landed aristocrat
- die Treuhand · agency that sold off East German state property after 1990
- verschollen · missing, vanished
- die LPG · agricultural collective (East Germany)
- schnippeln · to chop, snip
- harken · to rake
- buddeln · to dig (colloquial)
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
Sie wollen das also für die Chronik. Na gut. Dann schreiben Sie aber auch hinein, dass nicht ich gefragt habe, ob ich erzählen darf, sondern Sie mich gefragt haben, ob ich erzählen will; das ist ein Unterschied, und den hat man hier bei uns lange nicht können. Ich bin Hedwig Brüning, achtundzwanzig, und ich habe in dem Haus da drüben, hinter den Linden, nacheinander als Küchenmädchen gearbeitet, zwischen den Flüchtlingen gewohnt, als Schülerin die als Verkäuferin Zucker abgewogen und als Großmutter meine Enkel abgeholt. Ein Haus mit vielen Leben, sagen die Leute aus dem Westen, wenn sie im Sommer mit dem Fahrrad vorbeikommen. Dabei hatte das Haus nur eins. Die vielen Leben hatten wir.
Die Gnädige Frau ist im April fünfundvierzig weg, mit den Töchtern, den Pferden und dem Silber, in dieser Reihenfolge. Der alte Herr von Wedelstädt ist geblieben. „Ein Wedelstädt läuft nicht weg“, hat er gesagt, und das war, wie sich zeigen sollte, sein letzter Satz, den wir alle gehört haben. Im Herbst kam dann die in Bauernhand“ stand auf den Plakaten, und mein Vater bekam sieben Hektar und eine Kuh. Ins Herrenhaus zogen vierzehn Flüchtlingsfamilien in zweiundzwanzig Zimmer, später wurde es Schule, dann Konsum, dann Kindergarten. Undankbar waren wir nicht. Wir hatten bloß keine Wahl, und das ist für Dankbarkeit ein schlechter Boden.
Im Sommer zweiundneunzig hängte die ein Schild an den Zaun: zu verkaufen. Es kamen Herren aus Hamburg in großen Autos, die von einem Golfhotel sprachen und mit Laserstrahlen die Wände vermaßen, und im Dorf ging die Angst um, die kämen zurück und nähmen uns alles wieder weg, was wir ihnen weggenommen hatten. Und dann kam einer auf dem Fahrrad, allein, mit einem kleinen Rucksack: Caspar von Wedelstädt, der Urenkel, Lehrer in Lübeck. Er sagte gleich am Zaun, er wolle nichts zurück, das gehe ja auch gar nicht, das hätten die Gerichte entschieden, und er sei darüber, ehrlich gesagt, nicht unglücklich, er könne sich nicht einmal die Heizkosten leisten. Er wolle nur wissen, wo sein Urgroßvater liege. In der Familie wisse man bloß, dass er Anfang Mai fünfundvierzig sei.
Sie hätten das Dorf sehen sollen. Keiner wusste etwas. Der Bürgermeister, der vorher Vorsitzender der gewesen war, schickte ihn ins Kreisarchiv, und im Kreisarchiv schickte man ihn zur Kirche, und der Pfarrer war erst seit drei Jahren da. Nichtwissen, müssen Sie verstehen, ist bei uns ein Handwerk. Das haben wir zwei Diktaturen lang gelernt, und wir waren gut darin. Ich auch. Ich habe drei Wochen lang zugesehen, wie dieser höfliche junge Mann jeden Morgen mit seinem Fahrrad an meinem Gartenzaun vorbeifuhr, und habe Bohnen
Ich wusste es nämlich. Am dritten Mai fünfundvierzig hat der alte Herr in seinem guten Mantel in der Tür gestanden, und die Soldaten waren betrunken, und mehr will ich dazu nicht sagen, auch nicht für die Chronik. In der Nacht haben mein Vater und ich ihn begraben, am Rand vom Park, unter der ohne Kreuz und ohne Pastor, weil man damals nicht wusste, was mit einem passiert, der einen begräbt. Ich war siebzehn. Mein Vater hat die Erde festgetreten und gesagt: „Dat blifft unner uns.“ Und dabei ist es geblieben, siebenundvierzig Jahre. Erst war es gefährlich, dann war es Gewohnheit. Ich habe jeden Herbst unter der Buche das Laub und als das Haus Kindergarten war, habe ich den Kindern verboten, dort zu und keinem gesagt, warum.
An einem Abend Ende August bin ich dann doch an den Zaun gegangen und habe ihn mitgenommen. Wir standen unter der Buche, die Blätter waren schon dunkel wie altes Blut, deshalb heißt sie ja so, und ich habe ihm die Stelle gezeigt. Er hat lange nichts gesagt. Dann hat er gefragt: „Warum erst jetzt?“ Und ich habe ihm die Wahrheit gesagt, die mir selbst erst in dem Moment klar wurde: „Weil Sie der Erste sind, der gefragt hat, wo er liegt, und nicht, was ihm gehört hat.“
Er hat dann einen kleinen Stein setzen lassen, unter die Buche, mit Namen und Jahreszahlen, und darunter, das war sein Wunsch, nicht meiner, noch eine Zeile: Begraben von Otto und Hedwig Brüning. Das Golfhotel ist nie gekommen. Ein Paar aus Berlin hat das Haus gekauft und macht jetzt Seminare darin, Achtsamkeit und so etwas. Das Haus hat wieder ein neues Leben, sagen die Leute. Ich sage: Es hat immer noch dasselbe. Und die hat sowieso nie jemandem gehört. So. Und jetzt machen Sie mal das Gerät aus. Den Rest erzähle ich Ihnen, aber nicht für die Chronik.
Comprehension check
0/4 answered
1. What does Hedwig mean when she says the house "hatte nur eins"?
2. What does Caspar von Wedelstädt want in the village?
3. Why did Hedwig and her father keep the burial secret?
4. Why does Hedwig finally tell Caspar?