Short story
Palimpsest
In the abbey library of St. Gallen, an exhausted doctoral student uses special cameras to reveal the erased text beneath a medieval psalter, hoping for a lost masterpiece.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (11)
- der Filzpantoffel · felt slipper
- unscheinbar · inconspicuous, unremarkable
- das Pergament · parchment
- abschaben · to scrape off
- der Bimsstein · pumice stone
- hartnäckig · stubborn, persistent
- spiegelverkehrt · back to front, mirror-inverted
- verschollen · lost, missing (without trace)
- nach Gutdünken · at one's own discretion
- der Textzeuge · textual witness (surviving copy of a text)
- die Sigle · siglum (abbreviation for a manuscript or hand)
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
Wer die Stiftsbibliothek von St. Gallen betritt, muss zuerst die Schuhe gegen tauschen und dann unter einer griechischen Inschrift hindurchgehen, die den Saal zur Heilstätte der Seele erklärt. Samuel Gisler, einunddreißig, Doktorand der Mittellateinischen Philologie aus Altdorf, hatte beides inzwischen so oft getan, dass er in besser lief als in Schuhen und an seiner Seele keine Besserung mehr erwartete. Er war im vierten Jahr seiner Dissertation, das Stipendium lief im Juni aus, und seine Freundin hatte im Herbst gesagt, sie habe das Gefühl, mit einer Handschrift aus dem neunten Jahrhundert zusammenzuleben, nur dass die Handschrift wenigstens manchmal spreche.
Sein Gegenstand war ein Psalter, kaum größer als ein Taschenbuch. Unter dessen sauberen karolingischen Zeilen vermutete man seit 1890 einen älteren Text. war teuer gewesen, Kälber waren rar, und wenn ein Kloster ein Buch nicht mehr brauchte, man die Tinte mit ab und schrieb etwas Frömmeres darüber. Doch Tinte ist als Mönche. Über die Jahrhunderte war die alte Schrift als bräunlicher Schatten zurückgekehrt, unlesbar für das bloße Auge, aber nicht für eine Kamera, die eine Seite in sechzehn verschiedenen Wellenlängen fotografiert. Jeder Philologe, der ein Palimpsest aufschlägt, träumt denselben Traum: das verlorene Buch des Livius, die fehlende Komödie, den Dichter, von dem man nur den Namen kennt.
In der Nacht auf den zweiten Advent rechnete der Computer die ersten Aufnahmen zusammen, und Samuel saß davor und wagte nicht zu atmen. Die alte Schrift trat hervor, Zeile um Zeile, rötlich auf grauem Grund: lateinische Hexameter. Er gab die ersten Wörter in sämtliche Datenbanken ein, die er kannte. Nichts. Kein bekannter Dichter, kein bekannter Vers. Sein Herz schlug so laut, dass er es in den Ohren hörte. Dann sah er genauer hin. Das Wort „et“ war mehrmals geschrieben. Eine Zeile stand dreimal da, jedes Mal mit anderen Fehlern. Zwischen den Zeilen hatte eine zweite, erwachsene Hand mit energischen Strichen korrigiert. Und am Rand, unverkennbar, saß eine kleine Katze mit sechs Beinen.
Es war eine Schulübung. Vier Jahre, dachte Samuel, vier Jahre, ein Stipendium und beinahe eine Beziehung, und das Ergebnis war die Hausaufgabe eines Neunjährigen, der lieber Katzen gezeichnet hätte. Am Morgen rief er seine Doktormutter in Zürich an, die nach dreißig Sekunden sagte, das sei bedauerlich, aber für einen Aufsatz in einer kleineren Zeitschrift reiche es vielleicht. Er legte auf, ging hinaus in den Klosterhof, wo es nach Schnee roch, und überlegte ernsthaft, ob er nicht doch Lehrer werden sollte, in Altdorf, wie sein Vater es immer gewollt hatte.
Am Abend saß er trotzdem wieder vor dem Bildschirm, weil er nicht wusste, wohin sonst. Und diesmal las er die Hexameter nicht als Philologe, der eine Enttäuschung verwaltet, sondern so, wie der Lehrer sie gelesen haben musste: als Abschrift. Der Junge hatte nicht gedichtet. Er hatte abgeschrieben, Vers für Vers, von einer Vorlage, die längst war, und seine Fehler waren nicht beliebig, sondern die Fehler eines Kindes, das die Wörter nicht verstand und deshalb genau das malte, was es sah. Wo er ein Wort verdorben hatte, hatte der Lehrer es verbessert, und zwar nicht nach sondern, wie Samuel bald begriff, mit der Vorlage neben sich. Die Hausaufgabe war der einzige eines Gedichts, das es sonst nirgends mehr gab.
Er brauchte ein weiteres Jahr, das ihm niemand finanzierte und das er trotzdem durcharbeitete, um sechsundvierzig Verse zu rekonstruieren. Es war ein antikes Gedicht über einen Sommer am Meer, über Licht auf dem Wasser und Salz auf der Haut, abgeschrieben von einem Kind, das vermutlich nie ein Meer gesehen hatte, in einem Kloster vor den Alpen, im Winter, mit kalten Fingern. Am unteren Rand einer Seite fand Samuel, zwischen zwei Korrekturen, noch zwei Wörter in der Kinderschrift, die nicht zur Vorlage gehörten: volo domum. Ich will nach Hause. Der Lehrer hatte sie nicht korrigiert. Er hatte sie stehen lassen.
Die Edition erschien zwei Jahre später und wurde, für ein Buch mit kritischem Apparat, beinahe ein Erfolg. Zeitungen schrieben über den „verlorenen Sommer“, ein Fernsehteam drehte in Auf dem Umschlag ist die Katze mit den sechs Beinen abgebildet. Im Apparat trägt die Hand des Jungen die P, für puer, und die des Lehrers die M, für magister. Und in der Danksagung, gleich nach der Doktormutter und noch vor dem Schweizerischen Nationalfonds, steht ein Satz, über den sich die Rezensenten wunderten und den nur eine einzige Leserin sofort verstand: „Ich danke einem Schüler, dessen Namen wir nicht kennen, der keine Lust hatte und es trotzdem zu Ende gebracht hat. Und ich danke der, die mich nach Hause geholt hat, als ich nicht mehr wollte.“
Comprehension check
0/4 answered
1. What is a palimpsest, as the story explains it?
2. Why is Samuel at first bitterly disappointed?
3. What makes the exercise so valuable after all?
4. What does the acknowledgement suggest about Samuel's private life?