Short story
Glück auf
On 21 December 2018 a miner in Bottrop works the very last shift in Germany's last coal mine, still angry with the son who never went underground.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- einfahren · (mining) to go down the pit
- der Förderkorb · cage (mine lift)
- die Zeche · colliery, coal mine
- der Streb · longwall face (in a coal mine)
- die Staublunge · black lung (pneumoconiosis)
- der Pütt · (Ruhr dialect) the pit
- die Schlagwetter (pl.) · firedamp (explosive gas in mines)
- das Flöz · coal seam
- der Steiger · pit foreman
- malochen · (Ruhr colloquial) to do hard physical work
- Schicht im Schacht · (idiom) that's it, it's all over
- die Ewigkeitsaufgabe · perpetual task (after mining has ended)
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
Am Morgen des 21. Dezember 2018 Ralf Szymaniak zum letzten Mal ein. Der fiel mit ihm und elf anderen Männern in den zwölf Meter in der Sekunde, eintausendzweihundert Meter tief, und in seinem Bauch sackte, wie an jedem Arbeitstag seit dreißig Jahren, etwas nach, das er nie jemandem beschrieben hatte. Über ihnen, in Bottrop, schmückten sie das Zechengelände für den Festakt, Übertragungswagen parkten dort, wo früher die Kohlenzüge rangiert hatten, und irgendwo probte ein Bergmannschor zum hundertsten Mal das Steigerlied. Unter ihnen, auf Prosper-Haniel, der letzten Steinkohlenzeche Deutschlands, wartete ein aus dem nichts mehr gefördert werden musste.
Ralle, wie ihn alle nannten außer seiner Mutter und dem Finanzamt, war der dritte Szymaniak auf dieser Sein Großvater war 1912 aus Masuren gekommen, mit einem Pappkoffer und vier Wörtern Deutsch, von denen zwei „Glück auf“ lauteten und die anderen beiden nicht druckreif waren. Sein Vater hatte vierzig Jahre vor Kohle gestanden und war mit einundsechzig an der gestorben, ohne sich je beklagt zu haben, denn Klagen galt im Revier als eine Form der Arbeitsverweigerung. Ralle selbst war mit sechzehn angefahren, weil man das eben tat, wenn man ein Szymaniak war, und weil der einen nie im Stich gelassen hatte, bis er beschloss, es doch zu tun.
Unten gingen sie ein letztes Mal die Strecke ab, ohne dass es etwas zu tun gab. Handys waren unter Tage verboten, wegen der also filmte niemand; sie mussten sich alles merken. Einige fassten im Vorbeigehen an die Wand, wie man einem Pferd den Hals klopft. Ralle schlug mit dem Fäustel ein faustgroßes Stück Kohle aus dem und steckte es in die Jacke. Der sah es und sah dann woandershin, was unter Tage dasselbe bedeutet wie eine Unterschrift.
An seinen Sohn dachte er, während der Korb wieder nach oben stieg, und er wollte nicht an ihn denken. Dennis war fünfundzwanzig und nie Ralle hatte es selbst so gewollt, damals, als klar war, dass der zumachen würde, und trotzdem hatte er ihm nie verziehen, dass er gegangen war, ausgerechnet nach Essen, in einen Glaskasten auf Zollverein, wo früher richtig wurde und heute Design gemacht wird. Dennis machte irgendwas mit Daten. Vor einem Jahr, beim Weihnachtsessen, hatte er gesagt: „Papa, Kohle ist Vergangenheit.“ Seitdem hatten sie über das Wetter gesprochen und über Schalke, was im Revier nicht dasselbe ist wie Schweigen, aber nah dran.
Oben war alles hell, laut und sauber. Männer aus Berlin trugen Helme, an denen nie ein Stäubchen gewesen war, und einer von ihnen nahm das letzte geförderte Stück Kohle entgegen, wie man einen Pokal entgegennimmt. Dann sang der Chor „Glück auf, Glück auf, der kommt“, und Bergleute, die seit Jahrzehnten nicht geweint hatten außer bei Beerdigungen und in der Nordkurve, standen da mit nassen Gesichtern und sangen mit. Ralle sang nicht. Neben ihm sagte einer: im Niemand lachte.
Und dann sah er Dennis. Er stand am Rand der Menge, die kleine Mia auf den Schultern, in einer Jacke, die viel zu dünn war für Dezember. „Ich hab mir freigenommen“, sagte er. „Wozu?“, fragte Ralle. „Ist doch Vergangenheit.“ Dennis sah ihn eine Weile an. „Weißt du eigentlich, woran ich arbeite, Papa?“ Er erzählte es ihm, dort zwischen den Fernsehkameras. Wenn die schließen, muss das Grubenwasser trotzdem abgepumpt werden, für immer, sonst laufen die Keller voll und halbe Städte sacken in einen See. so heißt das amtlich. Und Dennis schrieb die Software, die diese Pumpen überwacht. „Die macht heute zu“, sagte er. „Aber das Wasser hört nicht auf. Die Pumpen laufen ab morgen bis in alle Ewigkeit. Und ich pass auf, dass sie laufen.“
Ralle stand eine Weile nur da. Dann griff er in die Jacke, zog das Stück Kohle heraus und hielt es Mia hin. „Weißt du, was das ist?“, fragte er. „Das ist Sonne. Dreihundert Millionen Jahre alte Sonne. Die hat Opa heute aus der Erde geholt.“ Mia nahm sie mit beiden Händen, betrachtete sie ernst und leckte daran, und Dennis lachte, zum ersten Mal seit einem Jahr in Ralles Gegenwart. Da legte Ralle seinem Sohn die schwarze Hand auf die Schulter und sagte, was man im Revier zu jedem sagt, der unter Tage arbeitet: „Glück auf.“ Ursprünglich, das wusste er von seinem Großvater, hatte der Gruß bedeutet, dass sich im Berg ein neuer Gang auftun möge. Er hatte, fand Ralle, noch nie so gut gepasst.
Comprehension check
0/4 answered
1. Why did nobody film the last shift underground?
2. What does the pit foreman do when Ralle takes a piece of coal?
3. What does Dennis's job turn out to be?
4. Why does Ralle feel that "Glück auf" fits so well at the end?