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Short story

Der weiße Wal

In May 1966 a white whale swims up the Rhine, and a boy on his father's cargo barge watches the hunt for it, and his strictly law-abiding father.

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Words to know (12)
  • die Ordnungswidrigkeit · administrative offence
  • das Gütermotorschiff · motor cargo ship (river barge)
  • der Pegelstand · water level (of a river)
  • die Brühe · (pejorative) murky water, broth
  • der Bug · bow (of a ship)
  • prusten · to snort
  • das Betäubungsgewehr · tranquilliser gun
  • zu Berg fahren · to travel upstream
  • das Kielwasser · wake (of a ship)
  • die Fahrrinne · fairway, shipping channel
  • der Bußgeldbescheid · penalty notice
  • der Spind · locker

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Im Mai 1966 schwamm ein Wal den Rhein hinauf, und mein Vater, der in seinem Leben nie etwas getan hatte, was nicht in einer Vorschrift stand, beging seinetwegen die einzige von der ich weiß. Ich war zwölf und verbrachte die Pfingstferien auf der „Gertrud II“, einem von achtzig Metern, das Kohle von Duisburg nach Mannheim brachte und Kies wieder zurück. Mein Vater war Schiffsführer, wie sein Vater es gewesen war, ein schweigsamer Mann mit Händen, die nach Diesel rochen, und einer einzigen Lektüre: den die er jeden Morgen im Radio hörte wie andere Leute das Wort zum Sonntag.

Der Wal war ein Beluga, weiß wie ein Bettlaken, vier Meter lang, und niemand wusste, wie er aus der Nordsee in den Fluss geraten war, durch Hafenbecken, an Schleppverbänden vorbei und durch eine in der damals kein vernünftiger Fisch mehr lebte. Die Zeitungen tauften ihn sofort nach dem berühmtesten Wal der Literatur, und an den Ufern standen Menschen in Sonntagsanzügen und zeigten mit Regenschirmen auf das Wasser, als könnten sie ihn damit herbeidirigieren. Bei Duisburg-Ruhrort sah ich ihn zum ersten Mal: einen weißen Rücken, der kurz neben unserem auftauchte, ein ein Geräusch wie ein Seufzer, dann nur noch das braune Wasser.

Der Zoo wollte ihn haben. Man hatte gerade ein neues Delfinarium gebaut, und ein Wal, der freiwillig vor die Tür schwimmt, ist für einen Zoodirektor das, was für einen Angler ein Hecht im Badezimmer wäre. Es kamen Boote mit Netzen, Männer mit die Pfeile verschossen und nicht trafen oder trafen und nichts bewirkten, und jeden Abend berichtete das Fernsehen über den Stand der Jagd wie über ein Fußballspiel. Die Leute am Ufer waren bald nicht mehr für den Zoo. Auf Bettlaken, die man von Brücken hängte, stand: Lasst ihn frei. Mein Vater sagte zu all dem nur einen Satz, beim Abendbrot, ohne von seinem Teller aufzusehen: „Ein Wal gehört ins Meer und ein Zoodirektor ins Büro.“

Anfang Juni, unterhalb von Bonn, hatten sie ihn fast. Zwei Boote hatten ein Netz quer in den Strom gelegt, und der Wal schwamm darauf zu, ahnungslos, weiß im braunen Wasser. Wir kamen zu voll beladen, mit der Strömung gegen uns, und ich sah, wie mein Vater das Fernglas absetzte, den Steuerhebel nahm und das Schiff, sehr langsam und sehr genau, aus seiner Spur nach Backbord zog. Die „Gertrud II“ fuhr mitten durch das Netz. Es riss mit einem Geräusch, das ich bis heute höre, und als ich mich umdrehte, sah ich einen weißen Rücken in unserem der sich flussabwärts davonmachte.

Die Wasserschutzpolizei kam längsseits, noch bevor wir Königswinter erreichten. Ein junger Beamter mit hochrotem Gesicht fragte meinen Vater, ob ihm klar sei, was er da getan habe. Mein Vater zeigte auf die Karte. „Das Netz lag in der sagte er. „Die gehört allen.“ Das war juristisch, wie sich später herausstellte, nicht ganz richtig, und es kostete ihn vierzig Mark. Er hat den gerahmt und im Steuerhaus aufgehängt, neben dem Foto meiner Mutter, und er hing dort, bis das Schiff verschrottet wurde.

In der Nacht, als wir in Koblenz vor Anker lagen, fragte ich ihn, warum. Er antwortete nicht gleich. Dann stand er auf, öffnete seinen und holte ein Buch heraus, das ich nie bei ihm gesehen hatte: ein englischer Roman, zerlesen, mit dem verblassten Stempel einer Lagerbibliothek in Texas. Mein Vater war von dreiundvierzig bis sechsundvierzig Kriegsgefangener gewesen, das wusste ich, aber er hatte nie davon erzählt. „Hier habe ich Englisch gelernt“, sagte er. „Elfmal hab ich das gelesen. Da war einer, der wollte einen weißen Wal fangen, und am Ende ist er mit ihm untergegangen.“ Er strich über den Umschlag. „Ich weiß, wie das ist, wenn man in einem Wasser schwimmt, das nicht deins ist, und alle wollen dich fangen.“

Der Wal hat die Nordsee erreicht, Mitte Juni, so meldeten es die Zeitungen, und danach hat ihn niemand mehr gesehen. Mein Vater ist 1991 gestorben, im selben Jahr, in dem man im Rhein wieder die ersten Lachse fand. Das Buch steht bei mir im Regal, ich lese es meinem Enkel vor, die deutsche Übersetzung, das Englisch habe ich nie so gut gelernt wie er. Und jedes Mal, wenn ich auf einer Rheinbrücke stehe und unten etwas Weißes im Wasser treibt, eine Plastiktüte meistens, schlägt mir das Herz einen Takt schneller, und ich höre meinen Vater sagen: Die gehört allen.

Comprehension check

0/4 answered

1. Why did the zoo want to catch the whale?

2. What did the narrator's father do below Bonn?

3. What did the father do with the fine he received?

4. What does the narrator learn about his father that night in Koblenz?