Short story
Der schwarze Stein
During the rebuilding of Dresden's Frauenkirche, an old woman asks a young stonemason to help her find one particular blackened stone among thousands taken from the ruins.
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Words to know (12)
- die Steinmetzin · (female) stonemason
- die Sommersprosse · freckle
- bergen · to recover, to salvage
- der Polier · site foreman
- einritzen · to scratch in, to carve
- sich nicht vom Fleck rühren · not to budge
- der Quader · (squared) stone block
- der Sockel · plinth, base
- ungelenk · clumsy, awkward
- fallen (im Krieg) · to be killed in action
- abtragen · to clear away, to dismantle
- die Weihe · consecration
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Im Frühjahr 2001 arbeitete ich als auf der Baustelle der Frauenkirche, und wer damals in Dresden lebte, wird sich an das Bild erinnern: ein heller, neuer Sandsteinbau, der Ring für Ring in die Höhe wuchs, und darin, verstreut wie die schwarzen Steine. Es waren die alten, die man aus dem Trümmerberg hatte, der fast fünfzig Jahre lang mitten in der Stadt gelegen hatte, nachdem die Kirche zwei Tage nach dem Angriff im Februar 1945 in sich zusammengestürzt war. Jeder dieser Steine war vermessen, fotografiert und nummeriert worden, und ein Computer hatte errechnet, wo er einst gesessen hatte. Wo es irgend ging, setzten wir ihn genau dorthin zurück.
An einem Dienstag im April stand eine alte Frau am Bauzaun, klein, in einem dunkelblauen Mantel, und fragte nach demjenigen, der „für die alten Steine zuständig“ sei. Der schickte sie zu mir, vermutlich, weil ich die Jüngste war und er Besuch für eine Form von Arbeit hielt, die man den Jüngsten überlässt. Sie stellte sich als Ilse Lehmann vor, Jahrgang 1925, aus Striesen. Sie suche einen Stein. Er trage eine Inschrift, nicht groß: „H. K. + I. L. 1944“.
Ich erklärte ihr, so freundlich ich konnte, dass wir rund achttausend Fundstücke hätten und dass Inschriften, sofern es sich nicht um barocke Steinmetzzeichen handelte, kaum systematisch erfasst seien. Sie nickte, als hätte sie mit dieser Antwort gerechnet, und rührte sich nicht vom Ich sah sie an, und dann sah ich auf die Uhr, und dann tat ich etwas, das in keiner Arbeitsanweisung vorgesehen war: Ich nahm sie mit in den Baucontainer, setzte mich an den Rechner der Archäologen und begann, die Fotos der Fundstücke vom Südportal durchzusehen.
Ich fand ihn nach zwei Stunden. Fundnummer 2214, ein aus dem neben den Stufen am Südportal, schwarz wie alle anderen, eine Ecke abgeplatzt. Auf der Vorderseite, unscheinbar, wie mit einem Taschenmesser „H. K. + I. L. 1944“. Und darunter, das hatte sie nicht erwähnt, eine zweite, Zeile: „I. L. 1946“. Ich drehte den Bildschirm zu ihr. Sie betrachtete das Foto sehr lange und sagte dann, ohne den Blick abzuwenden: „Die zweite Zeile ist von mir.“
Hans Kühn war Lehrling bei einem Buchbinder in der Neustadt gewesen. Im Sommer 1944 hatten sie auf diesen Stufen gesessen, an einem Sonntagnachmittag, und er hatte mit seinem Taschenmesser die Buchstaben in den Stein gekratzt, während sie ihm vorhielt, dass man so etwas an einer Kirche nicht tue. Im Herbst wurde er eingezogen. Im März 1946 kam die Nachricht, dass er schon im Januar 1945 in Ostpreußen war. Da war die Kirche längst ein Trümmerhaufen, und Ilse Lehmann war hingegangen und hatte zwischen den Brocken gesucht, tagelang, bis sie ihren Stein fand, kaum zehn Meter von der Stelle entfernt, an der er gesessen hatte. Sie hatte die zweite Zeile mit einem Nagel, weil sie kein Messer besaß.
„Ich bin jeden Sonntag hingegangen“, sagte sie. „Siebenundvierzig Jahre lang. Alle dachten, ich trauere um die Kirche. Ich habe nie jemandem widersprochen.“ Dann, 1993, hatte man begonnen, den Trümmerberg Stein für Stein, mit Kränen und Planen, und eines Sonntags war ihr Stein verschwunden. „Seitdem weiß ich nicht mehr, wo ich hingehen soll“, sagte sie. „Ich wollte nur wissen, ob er noch da ist.“
Ich habe danach mit dem Bauleiter gesprochen, einem gründlichen Westfalen, der zunächst einwandte, eine Kritzelei aus dem Jahr 1944 gehöre nicht zum barocken Originalbestand und sei, streng genommen, zu entfernen. Ich habe ihm geantwortet, dass wir an dieser Kirche ja gerade nicht vorgäben, es habe das Jahr 1945 nicht gegeben, sonst hätten wir die schwarzen Steine gar nicht erst eingesetzt. Er hat eine Weile auf seinen Plan geschaut und dann gesagt, der Stein komme an seinen Platz, mit der Vorderseite nach außen, wie es sich gehöre. Im Herbst habe ich ihn selbst versetzt, Fundnummer 2214, Südportal, die Inschrift vierzig Zentimeter über dem Pflaster.
Ilse Lehmann ist im Oktober 2005 zur gekommen, im dunkelblauen Mantel, und hat sich auf die neuen Stufen gesetzt, neben den alten Stein, als hätte sie einen Platz frei gehalten. Sie ist 2011 gestorben. Ich gehe manchmal hin, wenn ich in der Stadt bin. Zwischen den Touristen, die zur Kuppel hinaufschauen, sieht man die Inschrift kaum, und das ist, glaube ich, in ihrem Sinne. Man muss sich bücken, um sie zu lesen. Aber sie ist da, und man weiß, wo man hingehen soll.
Comprehension check
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1. What made the rebuilt Frauenkirche look the way the narrator describes it?
2. Who carved the second line on the stone, "I. L. 1946"?
3. Why did Ilse Lehmann come to the building site?
4. What argument does the narrator use to convince the site manager to keep the inscription?