Short story
Die Wäscherin des Geheimrats
In Weimar in 1823, the washerwoman who does Goethe's laundry writes him a very respectful letter to confess what happened to some verses he had scribbled on a shirt cuff.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- Ew. (Euer) Exzellenz · Your Excellency (old form of address)
- die Manschette · shirt cuff
- mit Verlaub · with respect, if I may say so
- die Lauge · lye (soapy washing solution)
- der Batist · cambric, fine linen
- einwenden · to object
- die Abschrift · copy (written out by hand)
- sich etwas herausnehmen · to take (a liberty)
- zustehen · to be due to, to be one's right
- stopfen · to darn
- übelnehmen · to take offence at, to resent
- untertänig · humble, submissive (old-fashioned)
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
Weimar, den 14. Oktober 1823. Exzellenz, hochwohlgeborener Herr Geheimer Rat! Verzeihen Sie, dass eine Person meines Standes es wagt, Ihnen statt mit dem Wäschekorb mit der Feder unter die Augen zu treten. Ich bin die Witwe Dorothea Kühn aus der Jakobsvorstadt und besorge seit elf Jahren die Wäsche Ihres Hauses am Frauenplan, die Hemden, die Halsbinden und, was ich nur errötend erwähne, auch das Übrige. Sie werden mich nicht kennen; man kennt die Wäscherin so wenig wie das Wasser, in dem sie wäscht, und das ist recht so. Ich schriebe Ihnen auch heute nicht, hätte mich nicht ein Vorfall, an dem ich nicht ganz unschuldig bin, um den Schlaf gebracht.
Es ist Exzellenz Gewohnheit – Ihr Diener Stadelmann hat es mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit bestätigt –, des Nachts, wenn Ihnen etwas einfällt und kein Papier zur Hand ist, auf die Ihrer Hemden zu schreiben. Ich habe diese elf Jahre lang gewaschen. Ich habe, mit mehr von Ihren Einfällen in der gehabt als mancher Professor in Jena auf dem Pult. Meist waren es Zahlen, Namen von Steinen, einmal eine Rechnung über Torf, die nicht stimmte. Ich habe sie ausgewaschen, wie man einen Rotweinfleck auswäscht, ohne mir etwas dabei zu denken.
Vergangenen Dienstag aber fand ich am linken Ärmel des feinen das Sie, wie man in der Stadt erzählt, bei Ihrer Rückkehr aus Marienbad trugen, acht Zeilen Verse. Sie waren mit Bleistift geschrieben, sehr klein, und an zwei Stellen durchgestrichen. Ich gestehe, dass ich sie las. Ich gestehe ferner, dass ich sie zweimal las und dann ein drittes Mal, während das Wasser im Kessel kalt wurde. Es war von einem Abschied die Rede, von einem Wagen, der sich entfernt, und von einem Herzen, das, so stand es da, älter sei als der Mann, der es trägt.
Exzellenz werden eine Wäscherin habe Verse nicht zu lesen, sondern zu waschen. Das ist wahr, und ich habe sie gewaschen. Ich habe die angesetzt, wie es sich gehört, und die gerieben, und der Bleistift ist gegangen, wie der Bleistift eben geht, ohne Widerstand und ohne Klage. Erst als das Hemd auf der Leine hing, fiel mir ein, dass es von diesen Zeilen vielleicht keine zweite gab. Ich habe in jener Nacht kein Auge zugetan. Man ist als Witwe an Verluste gewöhnt; aber man ist nicht gern selbst der Verlust eines anderen.
Darum habe ich mich am Mittwoch hingesetzt und die Verse aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, auf dem Papier, das mein seliger Mann für seine Schuldscheine gebrauchte. Ich lege sie diesem Brief bei. Ich bitte zu bedenken, dass ich nur die Dorfschule in Oberweimar besucht habe und dass mein Gedächtnis zwar gut, aber nicht vollkommen ist. An zwei Stellen war ich meiner Sache nicht sicher. Wo Exzellenz, wenn ich recht erinnere, „Schmerz“ geschrieben hatten, steht bei mir nun „Trost“, weil es sich ebenso gut reimte und weil ich fand, dass ein Mann von vierundsiebzig Jahren ein wenig Trost verdient. Die letzte Zeile aber, die durchgestrichen war, habe ich nicht weggelassen, sondern ausgeschrieben, denn ich meine, es war die beste.
Ich weiß wohl, dass ich mir damit eine Freiheit die mir nicht Ein Professor würde es eine Verfälschung nennen. Ich nenne es eine Ausbesserung, wie ich sie an Ihren Strümpfen seit elf Jahren vornehme, ohne dass Sie es je bemerkt hätten. Sie haben auch über die Stellen in Ihren Strümpfen nie geklagt, und manche, wage ich zu behaupten, halten besser als das Original.
Sollten Exzellenz meine verwerfen, so werfen Sie sie nur ins Feuer; ich werde es nicht erfahren und nicht Sollten Sie aber, was ich kaum zu hoffen wage, die Zeilen dennoch brauchen können, so erlaube ich mir eine einzige Bitte: Schreiben Sie künftig auf Papier. Der Bleistift geht schwer aus dem heraus, und ich bin nicht mehr jung genug, um zweimal zu reiben, und noch nicht alt genug, um gleichgültig zu bleiben, wenn etwas Schönes im Wasser verschwindet.
Mit Hochachtung verbleibe ich Exzellenz gehorsamste Dienerin, Dorothea Kühn, Wäscherin. Nachschrift: Ihr Diener Stadelmann lässt ausrichten, das Hemd sei fertig und liege bereit. Ich habe es diesmal mit Lavendel gelegt. Man sagt in der Stadt, Sie hätten in Marienbad ein Fräulein zurückgelassen, das Lavendel gern hatte. Ich weiß nichts davon. Ich wasche nur.
Comprehension check
0/4 answered
1. Why does Dorothea Kühn write to the Privy Councillor?
2. What did she change when she wrote the verses down from memory?
3. How does she defend the liberty she has taken?
4. What does the postscript suggest?