Short story
Der Solidaritätsbeitrag
An eighty-one-year-old woman in the Emmental who was farmed out as a child labourer is helped by her law-student granddaughter to apply for the compensation Switzerland now offers.
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Words to know (12)
- verdingen · (Swiss, historical) to farm out a child as cheap labour
- fremdplatzieren · to place (a child) with strangers or in care
- das Gesuch · application, request (official)
- das Saatgut · seed (for sowing)
- das Kostgeld · boarding allowance
- die Beeinträchtigung · impairment, harm (bureaucratic)
- das Grosi · (Swiss) grandma
- der Zopf · plaited bread (Swiss Sunday loaf)
- der Bescheid · official decision, notice
- gutheißen · to approve
- verwittert · weathered
- nachziehen · to go over, to retrace (lettering)
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Das Formular hatte elf Seiten, und Leonie hatte es ausgedruckt, gelocht und in ein Mäppchen gelegt, als handle es sich um eine Seminararbeit. Sie legte es auf den Stubentisch, neben die Meringues, die die Großmutter gekauft hatte, weil Besuch aus Bern kam, und erklärte, was es damit auf sich hatte. Der Bund, sagte sie, habe ein Gesetz gemacht. Wer als Kind in ein Heim gesteckt oder sonst wie von den Behörden worden sei, habe Anspruch auf einen Solidaritätsbeitrag, fünfundzwanzigtausend Franken, steuerfrei. Man müsse nur das ausfüllen und beschreiben, was gewesen sei.
Rosmarie Zaugg war einundachtzig und hatte das, was gewesen war, sechsundsiebzig Jahre lang nicht beschrieben, nicht ihrem Mann, der es geahnt und nie gefragt hatte, und nicht ihrem Sohn, Leonies Vater, der es erst aus der Zeitung erfahren hatte, als die Sache vor ein paar Jahren plötzlich überall stand, als hätte man in der Schweiz einen Keller entdeckt, von dem niemand gewusst haben wollte. Sie war fünf gewesen, als die Mutter starb und der Gemeinderat von Trubschachen beschloss, dass der Vater, der trank, keine vier Kinder aufziehen könne. Die Kinder wurden verteilt wie Rosmarie kam auf einen Hof oberhalb von Eggiwil, zu einem Bauern namens Gerber, für ein das die Gemeinde zahlte und das ungefähr dem entsprach, was man für ein Kalb ausgab.
Leonie las die Fragen vor. Name und Vorname. Geburtsdatum. Zeitraum der Maßnahme. Bitte schildern Sie kurz die erlittenen Rosmarie fand das Wort bemerkenswert. Es klang nach einem Wasserschaden. Sie dachte an die Kammer über dem Stall, in der es im Winter so kalt war, dass das Wasser im Krug gefror, an das Aufstehen um halb fünf, an den Schulweg von einer Stunde, den sie nach dem Melken ging, und an die Lehrerin, die sie vor der ganzen Klasse fragte, warum sie nach Kuh rieche. Sie dachte an den Gerber, der nicht schlug, jedenfalls nicht oft, und an seinen Sohn, über den sie nicht nachdachte, nie, auch jetzt nicht. sagte sie. „Was soll ich da hinschreiben?“
„Alles“, sagte Leonie. „Je genauer, desto besser. Das ist kein Gericht, Niemand muss etwas beweisen.“ Rosmarie nahm den Kugelschreiber, schrieb ihren Namen in Druckbuchstaben, das Geburtsdatum, den Zeitraum, 1941 bis 1951, und hielt dann inne. Draußen auf der Weide stand das Vieh des Nachbarn, und eine Kuh rieb sich am Zaunpfahl, mit der Gründlichkeit eines Wesens, das keine Formulare kennt. Dann schrieb Rosmarie, langsam und ohne abzusetzen, fünf Zeilen in das große leere Feld, drehte das Blatt um und schob es Leonie hinüber.
Leonie las: „Die Frau Gerber hat mir jeden Sonntag nach der Kirche ein Stück in die Schürze gesteckt, ohne dass es der Bauer sah. Sie hat nie etwas gesagt. Im Winter 1944 hat sie mir ihre eigenen Socken gegeben und selbst keine getragen. Sie ist 1979 gestorben. Ich möchte, dass das irgendwo aufgeschrieben ist.“ Leonie las es zweimal. Dann sagte sie vorsichtig, so wie man mit einem Kind spricht, das die Aufgabe falsch verstanden hat, das sei schön, aber das Amt wolle etwas anderes wissen. Das Unrecht, Nicht das, was gut war.
„Das Unrecht weiß das Amt“, sagte Rosmarie. „Das steht in allen Zeitungen. Es gibt Bücher darüber und eine Ausstellung, die durchs ganze Land gereist ist, und eine Bundesrätin hat sich im Namen des Landes entschuldigt. Das Unrecht ist jetzt amtlich. Aber dass die Frau Gerber keine Socken getragen hat, das weiß niemand außer mir. Und wenn ich gestorben bin, weiß es niemand mehr.“ Sie nahm eine Meringue, brach sie entzwei und legte die eine Hälfte auf Leonies Teller. „Fünfundzwanzigtausend Franken“, sagte sie. „Für das, was gewesen ist. Weißt du, was ein Kalb heute kostet?“
Leonie schickte das im Februar ab, mit den fünf Zeilen und mit einer zweiten Seite, die sie selbst schrieb, nach einem langen Telefongespräch mit ihrem Vater und nach dem Studium von Akten, die sie im Staatsarchiv in Bern bestellt hatte und auf denen in sauberer Beamtenschrift stand, das Mädchen Zaugg sei „gesund, kräftig und für Feldarbeit geeignet“. Im Herbst kam der Das war worden. Die fünfundzwanzigtausend Franken lagen eine Woche später auf dem Konto.
Rosmarie hob zweitausend davon ab und ließ sich von Leonie nach Eggiwil fahren. Auf dem Friedhof suchten sie eine halbe Stunde, bis sie das Grab fanden, halb von Efeu überwachsen, ein Stein mit zwei Namen: Gerber Ernst und Gerber-Wüthrich Anna. Rosmarie ließ beim Steinmetz in Signau nichts Neues einmeißeln. Sie ließ nur den zweiten Namen frisch mit Blattgold, und den ersten nicht. Der Steinmetz fragte, ob sie das wirklich so wolle, das sehe dann ungleich aus. „Es war ungleich“, sagte Rosmarie.
Comprehension check
0/4 answered
1. Why was Rosmarie sent to the Gerber farm as a child?
2. What did Rosmarie write in the box for the harm she had suffered?
3. Why does she refuse to describe the injustice instead?
4. What does she do at the grave?