Short story
Die Vorleserin
A bored literature student takes a summer job reading classic novels aloud to a blind old gentleman in a Styrian manor house, and starts improving the books as she goes.
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Words to know (12)
- die Vorleserin · (female) reader, person who reads aloud
- das Schwarze Brett · noticeboard
- Kost und Logis · board and lodging
- pleite · broke, out of money
- die Jause (Austrian) · afternoon snack
- die Marille (Austrian) · apricot
- schwül · sultry, humid
- innehalten · to pause
- kühn · bold, daring
- stocken · to falter, to hesitate
- überwiegen · to outweigh, to predominate
- aufsagen · to recite
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Die Anzeige hing im Sommersemester am Schwarzen des Germanistikinstituts in Graz, handgeschrieben, in einer altmodischen, sehr geraden Schrift: gesucht. Juli und August. und frei. Kenntnisse der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts erwünscht, Begeisterung dafür nicht erforderlich.“ Lena Pichler, drittes Studienjahr, chronisch fand vor allem den letzten Satz unwiderstehlich. Zwei Wochen später saß sie im Bus Richtung Leibnitz und dann im Auto einer Haushälterin, die während der ganzen Fahrt über die Südsteirische Weinstraße kein einziges Wort sprach.
Der alte Herr hieß Leopold Thurnegg, und im Ort nannten ihn alle noch den Grafen, obwohl es in Österreich seit 1919 keine Adelstitel mehr gibt und er selbst, wie er bei der ersten betonte, auf diesen Unsinn keinen Wert lege. Er war seit elf Jahren blind. Er saß in einem Lehnstuhl in der Bibliothek, die Hände auf dem Stock, und ließ sich jeden Nachmittag von drei bis sechs vorlesen, mit einer Pause für Kaffee und Er hatte eine Liste. Sie begann mit Stifters „Nachsommer“.
Wer den „Nachsommer“ kennt, wird verstehen, was danach geschah. Nach zwei Wochen und zweihundert Seiten, in denen ausführlich Rosen gepflegt, Marmorböden gereinigt und Gefühle so lange beherrscht wurden, bis man vergessen hatte, dass es sie je gegeben hatte, begann Lena, kleine Dinge hinzuzufügen. Zuerst ein Gewitter. Dann einen Hund, der dem jungen Heinrich die Mappe mit den Zeichnungen stahl. Dann, an einem besonders Nachmittag, einen Brief, den Natalie heimlich unter eine Rose legte. Der alte Herr saß reglos da, wie immer, und sagte nur, wenn sie „Weiter.“
Mit der Zeit wurde sie Die Liste führte über Grillparzer und Keller zu Fontane, und bei „Effi Briest“ hielt Lena es nicht mehr aus. Sie hatte Effi schon in der Schule nicht sterben lassen wollen, und jetzt, auf einem Schloss in der Südsteiermark, mit einem Publikum von genau einem Menschen, hatte sie zum ersten Mal die Macht dazu. Ihre Effi verließ Kessin, bevor die Briefe gefunden wurden, zog nach Berlin, lernte das Fotografieren und eröffnete in der Friedrichstraße ein Atelier, in dem sie, sehr zum Ärger ihrer Eltern, auch Frauen ohne Begleitung porträtierte. Lena las das alles vom Blatt, ohne zu als stünde es da. Sie war stolz auf sich und schämte sich ein wenig, und manchmal wusste sie nicht, was davon
Am letzten Tag im August, nach dem letzten Kapitel ihrer Effi, klappte sie das Buch zu und sagte, sie müsse ihm etwas gestehen. Der alte Herr hob die Hand. „Lassen Sie mich raten“, sagte er. „Effi stirbt bei Fontane.“ Und dann sagte er, langsam und ohne zu zögern, den letzten Satz des Romans auf, den mit dem weiten Feld, so wie man ein Gebet das man nie gelernt hat und doch kann.
Seine Frau, erzählte er, habe ihm diese Bücher vierzig Jahre lang vorgelesen, jeden Abend, immer wieder dieselben, weil sie fand, dass gute Bücher beim dritten Mal erst anfingen. Er kenne sie alle auswendig, jedes Komma im „Nachsommer“, Gott steh ihm bei. Nach ihrem Tod habe er eingestellt, eine nach der anderen, Studentinnen, eine pensionierte Lehrerin, eine Schauspielerin aus Wien. Sie alle hätten tadellos gelesen. Und jedes Mal sei Effi gestorben, genau an derselben Stelle, und er habe gemerkt, dass er zuhöre wie jemand, der an einem Grab steht. „Sie sind die Erste“, sagte er, „die mir seit elf Jahren etwas vorgelesen hat, das ich nicht kannte. Der Hund war übrigens ausgezeichnet. Stifter hätte ihn gebraucht.“
Lena fragte, warum er nichts gesagt habe. Er dachte nach. „Weil Sie sonst aufgehört hätten“, sagte er. „Und weil ich wissen wollte, wie weit Sie gehen. Sehr weit, wie sich herausgestellt hat. Die Friedrichstraße hat mir gefallen.“ Dann bat er sie, im nächsten Sommer wiederzukommen. Allerdings unter einer Bedingung: Sie solle nichts mehr aus seiner Bibliothek mitbringen, sondern nur noch Eigenes. „Ich bin zu alt für Bücher, deren Ende ich kenne“, sagte er. „Das Leben hat mir schon genug davon vorgelesen.“
Sie ist im nächsten Sommer wiedergekommen, und im übernächsten auch, jedes Mal mit einem Stapel beschriebener Blätter, an denen sie das ganze Jahr gearbeitet hatte. Leopold Thurnegg ist im vierten Winter gestorben. Lenas erster Roman, der im Frühjahr darauf erschien, handelt von einer Fotografin in Berlin. Er ist einem Mann gewidmet, der nie eine Zeile davon gelesen hat und trotzdem jedes Wort kannte, bevor es gedruckt war: „Für L. T., der immer ‚Weiter‘ sagte.“
Comprehension check
0/4 answered
1. What did Lena find irresistible about the advertisement?
2. How does Lena change "Effi Briest"?
3. Why did the old man never object to her changes?
4. What condition does Leopold Thurnegg set for her return the following summer?