Short story
Süßstoff
An old woman from the island of Reichenau remembers the summer of 1947, when at sixteen she rowed across Lake Constance at night to smuggle saccharin from Switzerland, and the customs officer who kept catching her.
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Words to know (12)
- rationiert · rationed
- die Marke · (ration) coupon
- aus Überzeugung · by conviction
- die Gefangenschaft · captivity (as a prisoner of war)
- der Bursche · lad, young fellow
- anlegen · to moor, land (a boat)
- der Zöllner · customs officer
- die Abgabe · levy, duty
- beschlagnahmen · to confiscate
- die Zollrückerstattung · refund of customs duty
- sich verschlucken · to choke (on a drink)
- verzollen · to pay duty on
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Ich bin jetzt fünfundneunzig, und meine Urenkelin, die Geschichte studiert, hat mich gebeten, das einmal aufzuschreiben, ehe es, wie sie sich ausdrückt, „verloren geht“. Als ob man eine Geschichte verlieren könnte wie einen Handschuh. Aber gut. Es war im Sommer 1947, auf der Reichenau, und die Welt bestand für uns aus zwei Ufern: unserem, wo es nichts gab, und dem gegenüber, wo es alles gab. Dazwischen lag der Untersee, an seiner schmalsten Stelle kaum zwei Kilometer breit, und über diesen See ging in jenen Jahren mehr Ware, als die Statistik je erfahren hat.
Zucker war und was man auf bekam, hätte keinen Spatz satt gemacht. In der Schweiz dagegen gab es Saccharin, kleine weiße Tabletten, dreihundertmal süßer als Zucker, so dass eine Blechdose von der Größe einer Zigarettenschachtel einen ganzen Haushalt einen Winter lang versüßte. Auf unserer Seite war so eine Dose ein kleines Vermögen. Mein Onkel Fidel, Fischer von Beruf und Schmuggler aus ruderte zweimal die Woche nachts hinüber nach Ermatingen. Im Juni brach er sich beim Netzeflicken den Arm. Und weil seine Söhne in waren und meine Mutter nicht schwimmen konnte, war ich dran.
Ich war sechzehn und ruderte, seit ich laufen konnte. Drüben wartete Ruedi, der Sohn des Fischers, mit dem mein Onkel Geschäfte machte, ein langer, schweigsamer der mir die Dosen in einem Kartoffelsack ins Boot reichte und dabei jedes Mal sagte: „Pass uf, gell.“ Mehr sagte er nie. Ich bildete mir damals ein, in diesen drei Wörtern stecke eine ganze Liebeserklärung, und ich ruderte zurück mit dem Gefühl, nicht Saccharin, sondern etwas sehr viel Kostbareres über die Grenze zu bringen.
In der vierten Nacht stand er am Ufer, als ich der Die Franzosen hatten unser Ufer besetzt, und an der Grenze standen Leute in ihrer Uniform, darunter viele Elsässer, weil die unsere Sprache konnten oder doch eine, die ihr ähnlich genug war. Dieser hier hieß Joseph Wendling, das erfuhr ich später, er war Mitte zwanzig, hatte eine Laterne in der einen und gar nichts in der anderen Hand, was mir verdächtiger vorkam als jedes Gewehr. Er leuchtete in den Kartoffelsack und fragte, in einem Alemannisch, das klang wie unseres, nur mit fremden Kanten, was das sei.
Medizin, sagte ich. Für meine Großmutter. Sie habe die Zuckerkrankheit. Er nahm eine Dose heraus, schraubte sie auf, legte sich eine Tablette auf die Zunge und verzog das Gesicht. „Für eine Großmutter“, sagte er, „ist das aber eine Menge Großmutter.“ Dann steckte er die Dose in die Manteltasche, wünschte mir eine gute Nacht und ging. Den Rest ließ er mir. Ich stand da, nass bis zu den Knien, und verstand nichts, am wenigsten mich selbst, denn ich war ihm nicht so dankbar, wie ich es hätte sein sollen, sondern beleidigt, weil er mich nicht ernst genommen hatte.
Es wurde ein Ritual. Den ganzen Sommer über stand er, nicht jede Nacht, aber oft genug, an irgendeiner Stelle des Ufers, an der ich obwohl ich die Stellen wechselte wie andere Mädchen die Haarbänder. Jedes Mal leuchtete er in den Sack, jedes Mal fragte er nach der Großmutter, deren Gesundheitszustand sich unter unseren Gesprächen dramatisch verschlechterte, und jedes Mal nahm er genau eine Dose. „Zoll“, sagte er dazu, und ich habe erst Jahre später begriffen, dass er das Wort wörtlich meinte. Ein Zoll war eine kein Verbot. Er kassierte, er nicht.
Mit Ruedi wurde es nichts. Er sagte weiter „Pass uf, gell“, und irgendwann im August begriff ich, dass das bei ihm keine Liebeserklärung war, sondern eine Wettervorhersage. Mit Joseph dagegen redete ich bald länger, als für eine Kontrolle nötig gewesen wäre, über den See, über den Krieg, aus dem er mit einem steifen Knie und ohne Bruder zurückgekommen war, über die Frage, auf welche Seite eines Sees ein Mensch eigentlich gehört, wenn die Uniformen ständig die Farbe wechseln. Die Währungsreform ließ noch ein Jahr auf sich warten, aber im Herbst konnte mein Onkel wieder rudern, und meine Laufbahn als Schmugglerin war zu Ende.
Wir haben 1951 geheiratet, in Mittelzell, und nach der Trauung stellte mir Joseph vor der versammelten Verwandtschaft einen Weidenkorb auf den Tisch. Darin lagen siebenunddreißig Blechdosen Saccharin, ungeöffnet bis auf eine. Er hatte sie nie abgeliefert. sagte er, und mein Onkel Fidel lachte so sehr, dass er sich am Hochzeitswein Die Dosen haben wir nie aufgebraucht. Eine steht noch heute in meiner Küche. Ruedi übrigens hat später in Stein am Rhein eine Konditorei eröffnet, die bis zuletzt als einzige am ganzen See stolz darauf war, nie auch nur ein Gramm Süßstoff verwendet zu haben. Ihr könnt euch denken, warum.
Süß, sagt man, sei die Liebe. Bei mir war sie zuerst einmal
Comprehension check
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1. Why does the narrator start rowing across the lake herself?
2. How does the narrator feel the first time the customs officer lets her go?
3. What does she later understand about the word "Zoll"?
4. What does Joseph give her at their wedding?