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Short story

IM Lerche

Thirty-five years after the fall of the Wall, a retired librarian in Rostock finally reads her Stasi file and finds forty-one reports by an informant with the code name "Lerche".

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Words to know (12)
  • die Lerche · lark (here: an informant's code name)
  • die Akteneinsicht · inspection of (one's) files
  • der Hauskreis · private (church) study group meeting at home
  • der Konsum · (GDR) cooperative grocery shop
  • unerheblich · insignificant, irrelevant
  • unergiebig · unproductive, yielding nothing
  • der Führungsoffizier · handling officer (of an informant)
  • der Aufgang · entrance, stairwell (of a block of flats)
  • die Wende · the 1989/90 political turn in the GDR
  • der Deckname · code name
  • die Anmaßung · presumption, arrogance
  • jemandem zustehen · to be someone's right, to be due to someone

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Fünfunddreißig Jahre lang habe ich keinen Antrag auf gestellt. Die Freunde aus dem die es gleich 1992 getan hatten, erzählten von Ehen, die daran zerbrochen waren, und von Kollegen, die man danach im nicht mehr grüßte. Ich wollte nicht wissen, wer. Ich wollte, offen gesagt, weiter so tun können, als wüsste ich es nicht, und mit der Zeit wurde dieses Nichtwissen eine Art Möbelstück, an das man sich gewöhnt. Erst als mein Mann gestorben war und meine Tochter sagte, sie wolle irgendwann wissen, was für ein Leben ihre Mutter geführt habe, stellte ich den Antrag. Im vergangenen Frühjahr saß ich im Lesesaal des Archivs in Rostock vor dreihundertzwölf Seiten.

Das meiste war von einer Langweiligkeit, die mich beinahe kränkte. Ein Leutnant hatte über Jahre notiert, wann ich die Stadtbibliothek in der Südstadt aufschloss, wann ich sie zuschloss und welche Bücher ich nach Hause trug. Dann kamen die Berichte von IM einundvierzig Stück, von 1984 bis 1988, maschinengeschrieben, jeweils zwei, drei Seiten. Ich las sie mit angehaltenem Atem, bereit für den Verrat. Ich fand etwas anderes. „Die W. schreibt Gedichte über Möwen, Herbstlaub und das Meer“, stand dort. „Ein staatsfeindlicher Inhalt ist nicht erkennbar. Die W. ist politisch Maßnahmen werden nicht empfohlen.“

fasste meine Gedichte zusammen, und zwar mit einer Sorgfalt, die mich erschreckte, weil ich sie bei keinem Rezensenten je erlebt habe. Sie kannte Gedichte, die ich nur im vorgelesen hatte, vor sechs, sieben Menschen, und sie zitierte sie korrekt, bis auf eine Stelle. Im Bericht vom Mai 1986 hieß es: „Das Wort ‚Mauer‘ in dem Gedicht vom 3. Mai bezieht sich nach Auskunft der W. auf die Hafenmauer in Warnemünde.“ Das stimmte nicht. Das Gedicht handelte von einer ganz anderen Mauer, und jeder, der es gehört hatte, wusste das. Daneben stand, in der Handschrift des mit grünem Kugelschreiber: „IM liefert umfangreich, aber Weiterführung fraglich.“ lieferte trotzdem weiter, vier Jahre lang, so wie zuverlässig, und ich begriff erst im Lesesaal, dass ein Bericht, der nichts enthielt, den Platz besetzte, auf dem sonst ein anderer, eifrigerer Bericht gelegen hätte.

Im Bericht vom Februar 1986 fand ich den Satz, der alles entschied. „Die W. kocht donnerstags Soljanka; der Geruch ist im gesamten Treppenhaus wahrnehmbar.“ Wer das wusste, hatte nicht nur im gesessen. Wer das wusste, hatte im Treppenhaus gestanden. 1986 wohnten in unserem vier Parteien. Zwei sind tot, eine ist nach der nach Bayern gezogen. Die vierte ist Frau Gerda Pagel, Erdgeschoss links, dreiundneunzig Jahre alt, der ich seit zwölf Jahren jeden Donnerstag eine Schüssel Soljanka hinuntertrage, weil sie selbst nicht mehr kochen kann.

Die freundliche Mitarbeiterin im Lesesaal erklärte mir, ich könne die Entschlüsselung des beantragen, das dauere einige Monate. Ich bedankte mich und sagte, das sei nicht nötig. Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Hause, setzte mich in die Küche und blieb dort sitzen, bis es dunkel war. Ich habe in dieser Nacht nicht geschlafen, aber nicht aus Zorn. Ich habe mich, das gebe ich zu, an jedes einzelne Mal erinnert, das Gerda Pagel in den Achtzigern an meiner Tür geklingelt hatte, um sich Zucker zu leihen, und mich gefragt, wie viel Zucker ein Mensch eigentlich braucht.

Am Donnerstag kochte ich Soljanka und trug sie hinunter. Gerda saß wie immer am Küchentisch, das Radio lief, und sie aß, wie immer, langsam und mit großer Aufmerksamkeit. „Zu viel Zitrone“, sagte sie, wie immer. Ich sagte, ich hätte meine Akte gelesen. Sie legte den Löffel hin. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei. „Und?“, fragte sie schließlich. „Sie haben meine Gedichte sehr gut zusammengefasst“, sagte ich. Sie sah lange auf ihren Teller. „Das mit der Hafenmauer“, sagte sie, „war das beste.“

Mehr hat sie nicht erklärt, und ich habe nicht gefragt. Nur einen Satz sagte sie noch, so leise, dass ich ihn fast überhört hätte: Sie hätten damals ihren Jungen gehabt, wegen des Studiums, und sie habe gedacht, wenn schon einer über mich schreibe, dann besser sie. Um Verzeihung bat sie nicht. Ich glaube, sie hielt das für eine als hätte sie damit über etwas verfügt, das ihr nicht

„Danke“, sagte ich. Sie sah auf. „Wofür denn?“ „Für die Langeweile“, sagte ich. Da lachte Gerda Pagel, zum ersten Mal an diesem Nachmittag, ein trockenes, überraschtes Lachen, und schob mir den leeren Teller hin. „Das war das Schwerste“, sagte sie. „Du warst nämlich gar nicht langweilig.“ Am Donnerstag darauf brachte ich ihr wieder Soljanka. Mit genauso viel Zitrone wie immer.

Comprehension check

0/4 answered

1. Why did the narrator wait so long before reading her file?

2. What did "Lerche" write about the word "Mauer" in one of her poems?

3. How did the narrator work out who "Lerche" was?

4. Why does the narrator thank Gerda "for the boredom"?