Deep End
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Short story

Inklusion

On the island of Usedom, a retired mineralogist is asked to examine a piece of amber with a perfect mosquito inside that a boy found on the beach after a storm, and soon more perfect finds start turning up.

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Words to know (12)
  • der Kescher · landing net, hand net
  • der Tang · seaweed
  • belächeln · to smile at (condescendingly)
  • die Kustodin · curator (woman)
  • die Feierlichkeit · solemnity
  • gesättigt · saturated
  • aushöhlen · to hollow out
  • es bei etwas bewenden lassen · to leave it at that
  • sich auf die Lauer legen · to lie in wait
  • das Ölzeug · oilskins
  • begutachten · to examine, assess (as an expert)
  • unscheinbar · unremarkable, inconspicuous

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Wenn im Spätherbst der Nordost drei Tage lang gegen die Küste gestanden hat, gehen auf Usedom die Leute mit und Taschenlampe an den Strand, noch vor Sonnenaufgang, und suchen im nach Bernstein. Ich habe das vierzig Jahre lang als der mineralogischen Sammlung in Greifswald, und tue es, seit ich in Ückeritz wohne, selbst. Man findet selten etwas, und wenn, dann ist es so groß wie ein Fingernagel und so gewöhnlich wie ein Hustenbonbon. Das ist, unter uns gesagt, der eigentliche Reiz.

Im November klingelte eine Frau aus dem Ort an meiner Tür, an der Hand einen Jungen von vielleicht zehn Jahren, Jannik, der mir wortlos die Faust entgegenstreckte und sie dann, mit der eines Zauberers, öffnete. Darin lag ein Stück Bernstein, honiggelb, von der Größe einer Walnuss, und in seinem Inneren, so vollkommen erhalten, dass man jede Borste am Bein hätte zählen können, eine Mücke. Ein Händler in Heringsdorf habe zweitausend Euro geboten, sagte die Mutter. Ob das ein fairer Preis sei. Ich sagte, ich müsse den Stein zunächst über Nacht behalten.

Bernstein lässt sich auf eine Weise prüfen, die jedes Kind zu Hause nachmachen kann, und auf eine andere, für die man vierzig Jahre Berufserfahrung braucht. Die erste bestand er glänzend. Er schwamm in Salzwasser, er leuchtete unter der UV-Lampe bläulich, und als ich eine erhitzte Nadel an eine unauffällige Stelle hielt, roch es nach Harz und Kiefernwald und nicht nach Chemie. Es war echter Bernstein, daran gab es keinen Zweifel. Die zweite Prüfung bestand er nicht. Unter dem Mikroskop sah ich, kaum breiter als ein Haar, eine Naht: Jemand hatte den Stein aufgeschnitten, eine Mücke hineingelegt und das Ganze mit frischem Kunstharz wieder verschlossen. Die Mücke war, wie sich zeigte, eine Pilzmücke, wie sie heute in jedem Blumentopf sitzt. Vierzig Millionen Jahre alt war an diesem Stück nur die Verpackung.

Ich hätte es dabei lassen, wäre nicht in den folgenden Wochen ein zweites Kind gekommen, und dann ein drittes. Ein Mädchen aus Sachsen fand eine Spinne, ein Junge aus Bielefeld eine Ameise mit erhobenem Fühler, wie zum Gruß. Alle Steine stammten vom selben Abschnitt des Strandes, zwischen der Seebrücke und dem Kurmittelhaus, alle waren nach Sturmnächten gefunden worden, und alle trugen jene haarfeine Naht. Wer immer sie anfertigte, verstand sein Handwerk und, was mich mehr beunruhigte, verlangte nichts dafür. Ein Fälscher, der nicht verkauft, ist kein Fälscher. Er ist ein Erzieher, oder ein Gläubiger, oder beides.

Ich legte mich auf die wie man so sagt, wobei an einem Novembermorgen an der Ostsee vor allem Frieren bedeutet. In der dritten Nacht nach dem nächsten Sturm, gegen sechs, kam ein Mann den Strand herunter, in mit einem Eimer. Er ging langsam an der Flutlinie entlang und warf, in regelmäßigen Abständen, wie ein Bauer, der sät, etwas in den Als er an mir vorbeikam, erkannte ich ihn. Es war Ralf Dobberstein, der Kurdirektor.

Er leugnete nichts. Er lud mich zu einem Kaffee in sein Büro ein, das um diese Uhrzeit nach kaltem Rauch und Prospekten roch, und erklärte mir, mit der Ruhe eines Mannes, der seine Argumente oft genug vor dem Spiegel geübt hat, das Prinzip. Die Gäste kämen im Herbst wegen des Bernsteins. Die meisten fänden nichts. Wer nichts finde, komme nicht wieder. Die Steine seien echt, er kaufe sie im Großhandel aus Kaliningrad, die Tiere stammten aus seinem Wintergarten, das Einbetten habe er sich aus dem Internet beigebracht. „Ich betrüge niemanden“, sagte er. „Ich verteile nur das Glück etwas gleichmäßiger. Wir nennen das bei uns Inklusion.“

Ich habe in meinem Leben viele Fälschungen einige davon in Museen, die mir die Wahrheit nie verziehen haben. Ich hätte Dobberstein anzeigen können, und ich hätte es tun sollen. Stattdessen bat ich mir drei Tage Bedenkzeit aus und ging nach Hause, wo Janniks Stein noch immer auf meinem Schreibtisch lag, denn ich hatte nicht gewusst, wie ich einem Zehnjährigen sagen sollte, dass seine Mücke aus einem Blumentopf in Heringsdorf stammte.

In der folgenden Nacht ging ich selbst an den Strand, mit einer Streichholzschachtel aus meiner eigenen Sammlung. Darin lag ein Stück Bernstein, trüb, mit einem winzigen, zerdrückten Insekt darin, das man nur mit der Lupe als solches erkannte, vierzig Millionen Jahre alt, ohne Naht. Ich legte es dorthin, wo Jannik am nächsten Morgen mit seiner Mutter suchen würde, und kam mir dabei vor wie Dobberstein, nur schlechter, weil ich es besser wusste. Jannik fand es. Er fand es sogar weniger schön als das andere. Ich habe ihm erklärt, warum es kostbarer ist. Ob er es verstanden hat, weiß ich nicht.

Dobberstein habe ich nicht angezeigt. Wir haben eine Abmachung getroffen, deren Einzelheiten ich hier nicht ausbreiten will; sie betrifft die Naht und einen sehr kleinen Stempel. Seither weiß ich jedenfalls, dass die Wahrheit, wie der Bernstein, manchmal nur deshalb oben schwimmt, weil das Wasser salzig genug ist.

Comprehension check

0/4 answered

1. What does the microscope reveal about Jannik's piece of amber?

2. Why does the narrator find the forger especially puzzling?

3. How does the director of tourism justify what he does?

4. What does the narrator herself do the following night?