Short story
Fünf Tage im März
Every spring in the 1980s, at the Leipzig Book Fair, a West German publisher's representative watches the same East German woman read a whole novel standing at his stand, and pretends not to see her.
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Words to know (12)
- die Messe · trade fair
- der Vertriebsleiter · sales director
- die Gier · greed, hunger
- das Herbstprogramm · a publisher's autumn list
- der Umschlag · (book) cover, jacket
- sich herumsprechen · to get around (of news)
- kränken · to hurt someone's feelings
- der Erzählband · volume of short stories
- das Revers · lapel
- die Remittende · unsold book returned to the publisher
- die Vorschau · publisher's catalogue of forthcoming books
- die Widmung · dedication
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Wer in den Achtzigerjahren für einen westdeutschen Verlag zur Leipziger fuhr, lernte dort zwei Dinge, die in keiner Verlagsschulung vorkamen. Erstens: Die Bücher am Stand würden verschwinden, jeden Tag ein paar, und man tat gut daran, das nicht zu bemerken. Zweitens: Die Leute, die vor den Regalen standen, kamen nicht, um zu kaufen, denn kaufen konnten sie nichts. Sie kamen, um zu lesen. Sie lasen mit einer und einer Geschwindigkeit, die Hartmut Eckhoff, eines mittelgroßen Frankfurter Literaturverlags, aus dem Westen nicht kannte, wo man Bücher kaufte, um sie dann nicht zu lesen.
Die Frau fiel ihm 1981 auf. Sie war Ende zwanzig, trug einen grauen Anorak, der für das Messewetter zu dünn war, und sie las nicht wie die anderen, die hastig blätterten und sich Sätze auf Zettel schrieben. Sie las ein einziges Buch, einen Roman aus dem von vorn. Sie las drei Stunden lang, im Stehen, legte es dann exakt an seinen Platz zurück und ging. Am nächsten Tag kam sie wieder und las weiter. Am fünften Tag, kurz vor Messeschluss, klappte sie den Roman zu, blieb noch einen Augenblick mit der Hand auf dem stehen, wie man einem Menschen die Hand auf die Schulter legt, und verschwand.
Im folgenden März war sie wieder da. Und im übernächsten. Jedes Jahr ein Buch, jedes Jahr fünf Tage. Eckhoff wusste ihren Namen nicht, und er fragte nicht danach, denn es war bekannt, dass zwischen den Ständen nicht nur Leser unterwegs waren, sondern auch Leute, die sich für Leser interessierten. Ein Gespräch mit einem Westverleger konnte eine Akte füllen. Also sprachen sie nicht. Er nickte ihr am ersten Messetag zu, sie nickte zurück, und das war, über Jahre, ihre ganze Korrespondenz.
Im dritten Jahr versuchte er, ihr das Buch zu schenken. Er tat es auf die Art, die sich unter den westdeutschen Ausstellern hatte: Am letzten Nachmittag schob er den Roman, den sie gerade beendete, an den Rand des Tisches, so weit, dass er fast herunterfiel, und drehte ihr dann demonstrativ den Rücken zu, um sich ausgiebig mit einem Kollegen über Papierpreise zu unterhalten. Als er sich umwandte, lag das Buch genau dort, wo er es hingeschoben hatte. Sie hatte es nicht genommen. Er versuchte es im nächsten Jahr wieder, und im übernächsten, mit demselben Ergebnis. Es ihn mehr, als er zugegeben hätte.
Im März 1989, auf der letzten die noch in einem Land stattfand, das sich dessen nicht bewusst war, las sie einen schmalen und sie las ihn schneller als sonst. Am vierten Tag war sie fertig. Sie trat an den Tisch, an dem er Bestellscheine sortierte, und sagte, zum ersten Mal in neun Jahren, einen ganzen Satz zu ihm: „Sie können aufhören, mir den Rücken zuzudrehen, Herr Eckhoff. Ich nehme sie nicht. Gestohlene Bücher liest man zu schnell.“ Dann ging sie, bevor er antworten konnte, und er stellte fest, dass sie seinen Namen kannte, vom Schild an seinem vermutlich, und dass er den ihren immer noch nicht wusste.
Im folgenden März kam sie nicht. Die war voller Menschen, die plötzlich kaufen durften und nicht wussten, womit. Eckhoff suchte zwischen den Regalen nach einem grauen Anorak, erst unauffällig, dann auffällig, und fand keinen. Er sagte sich, das sei gut so. Es bedeute, dass sie die Bücher jetzt im Laden kaufen könne, wie jeder andere, und nicht mehr fünf Tage im Jahr stehend in einer Messehalle verbringen müsse, um einen einzigen Roman zu lesen. Er glaubte sich selbst kein Wort.
Im Herbst 1994 lag auf seinem Schreibtisch in Frankfurt, zwischen und Vertreterberichten, die eines kleinen Leipziger Verlags. Darin wurde ein Debüt angekündigt, ein Roman über eine Frau, die neun Jahre lang an einem einzigen Ort ein Buch nach dem anderen liest, ohne es je mitzunehmen. Die Autorin hieß Renate Mühlberg. Eckhoff bestellte ein Vorabexemplar, was ein sonst nie tut, und schlug es noch im Büro auf. Auf der dritten Seite stand die „Für H. E., der mir jeden März den Rücken zukehrte, damit ich ihm einmal danken kann.“
Er las das Buch an einem Abend, im Stehen, am Fenster, ohne es ein einziges Mal aus der Hand zu legen. Es war, das musste er als Fachmann zugeben, zu schnell gelesen.
Comprehension check
0/4 answered
1. What surprises Eckhoff about the woman, compared with the other visitors?
2. Why do Eckhoff and the woman never talk to each other for years?
3. Why does the woman refuse to take the books he leaves for her?
4. What does Eckhoff find in Renate Mühlberg's novel?