Speech
Rede zur Lage des Semikolons
The chairwoman of a small Kassel society for the protection of the semicolon gives her annual speech to its dwindling members, and has surprising news.
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Words to know (12)
- der Strichpunkt · semicolon (older German word)
- die Witterung · weather (conditions)
- die Jahreshauptversammlung · annual general meeting
- jemandem etwas vormachen · to fool someone, to pretend
- sich einer Sache verschreiben · to dedicate oneself to something
- jemandem etwas auslegen als · to interpret something as, to hold against someone as
- der Schatzmeister · treasurer
- unpässlich · indisposed, slightly unwell
- der Anlauf · run-up, attempt
- erwägen · to consider
- jemandem etwas vorenthalten · to keep something from someone
- die Enthaltung · abstention
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Sehr geehrte Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde des verehrte Gäste, sofern sich Gäste unter uns befinden, was ich angesichts der und unserer Tagesordnung bezweifle: Ich begrüße Sie zur siebenundzwanzigsten der Gesellschaft zur Pflege des Semikolons e. V., hier im Nebenzimmer des Hotels „Zum Weißen Hof“ in Kassel, nur wenige Schritte von dem Ort entfernt, an dem die Brüder Grimm einst die Märchen sammelten, an deren glückliches Ende wir als Verein immer noch glauben.
Ich will Ihnen nichts Die Lage ist ernst; aber sie ist nicht hoffnungslos. Sie sehen, ich habe soeben ein Semikolon gesetzt, und zwar mit Absicht, denn ein Punkt wäre zu endgültig gewesen und ein Komma zu leichtfertig. Das ist, in einem einzigen Satz, das ganze Wesen des Zeichens, dem wir uns haben: Es ist die Interpunktion der Menschen, die sich nicht entscheiden wollen, ob sie schon fertig sind. Man hat uns das immer als Schwäche Ich halte es für die höchste Form der Höflichkeit. Das Semikolon lässt dem Gedanken die Tür offen, ohne ihn hinauszuwerfen.
Zu den Zahlen. Bei der Gründung im Jahre 1997 zählte unser Verein einhundertachtundvierzig Mitglieder, darunter zwei Lektoren, einen pensionierten Oberstudienrat und eine Dame aus Göttingen, die sich bis heute weigert, Briefe ohne Semikolon zu beantworten. Heute sind wir einundzwanzig. Anwesend sind elf. Der lässt sich entschuldigen; er ist, wie er schreibt, und ich darf anmerken, dass er das schöne Wort korrekt verwendet hat, was in diesen Zeiten auch schon ein Trost ist. (Beifall)
Der Feind, meine Damen und Herren, ist nicht das Komma. Das Komma ist ein Verwandter, ein etwas nervöser zwar, der überall dazwischenredet, aber ein Verwandter. Der Feind ist auch nicht der Punkt, dieser Kleinbürger der Interpunktion, der jeden Gedanken zu Hause abliefert, bevor es dunkel wird. Der Feind ist die Kurznachricht. In der Kurznachricht gibt es keine Sätze mehr, es gibt nur noch Es gibt Ausrufezeichen in Rudeln und Pünktchen, die ins Leere führen. Ich habe im vergangenen Jahr mehrere Tausend Nachrichten meiner Enkelin gelesen, mit ihrer Erlaubnis und zu meinem Entsetzen, und kein einziges Semikolon gefunden. Nicht eines. Ich habe sie gefragt, warum. Sie hat gesagt, das sehe aus wie ein zwinkerndes Gesicht, und so etwas schicke man nicht an jeden.
Ich gestehe, meine Damen und Herren, dass ich nach diesem Gespräch habe, der Versammlung heute die Auflösung des Vereins vorzuschlagen. Ich hatte die Rede bereits geschrieben. Sie war sehr würdig, sie hatte drei Zitate von Jean Paul und einen Schluss, bei dem selbst der geweint hätte, sofern er gekommen wäre. Dann aber trat vor sechs Wochen ein neues Mitglied ein. Es ist das erste seit elf Jahren. Er heißt Malte, ist dreiundzwanzig Jahre alt, studiert Informatik hier an der Universität und sitzt dort hinten, neben dem Garderobenständer, und versucht gerade, sich unsichtbar zu machen. (Heiterkeit)
Malte hat mir etwas erklärt, das ich Ihnen nicht möchte. In den Programmiersprachen, mit denen heute die halbe Welt betrieben wird, die Bahn, die Banken, die Herzschrittmacher, wird eine Anweisung in sehr vielen Fällen mit einem Semikolon abgeschlossen. Nicht mit einem Punkt. Mit einem Semikolon. Jeden Tag, sagt Malte, würden auf diesem Planeten Milliarden Semikolons geschrieben, mehr als in der gesamten Literaturgeschichte zusammen, und sie stünden dort, wo sie hingehörten: am Ende eines Gedankens, nach dem noch etwas kommt. Ich habe ihn gefragt, ob die Leute, die sie schreiben, sie auch lieben. Er hat gesagt, sie fluchen, wenn eines fehlt. Meine Damen und Herren, wer flucht, wenn etwas fehlt, der liebt es. (Lebhafter Beifall)
Das Semikolon, liebe Freundinnen und Freunde, ist nicht ausgestorben; es ist ausgewandert. Es hat die Schreibtische der Lektoren verlassen und ist in die Maschinen gezogen, wie so viele Bewohner Nordhessens nach Frankfurt, und es geht ihm dort, soweit man hört, gut. Ich stelle deshalb den Antrag, unseren Verein nicht aufzulösen, sondern umzubenennen, und zwar in „Gesellschaft zur Pflege des Semikolons in allen Sprachen, auch den künstlichen“. Ich bitte um Ihre Stimmen; und ich bitte Malte, das Protokoll zu führen, da er, wie wir jetzt wissen, das Zeichen am häufigsten verwendet.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit; der Kaffee steht bereit. (Der Antrag wurde mit zehn Stimmen bei einer angenommen. Die stammte von der Dame aus Göttingen, die zu Protokoll gab, sie habe nichts gegen Maschinen, solange sie nicht zurückschrieben.)
Comprehension check
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1. Why, according to the chairwoman, did she use a semicolon in "Die Lage ist ernst; aber sie ist nicht hoffnungslos"?
2. Why does her granddaughter never use semicolons in her text messages?
3. What has the new member Malte told her?
4. What does the chairwoman finally propose?